Kantige Märchenonkel

Kantige Märchenonkel

Kassel. In Kassel verbrachten Jacob und Wilhelm Grimm als Märchensammler und Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, wie sie schrieben, "die arbeitsamste und vielleicht auch fruchtbarste Zeit" ihres Lebens. Dessen Stationen sind von der Geburt in Hanau bis zu ihrer letzten Wirkungsstätte Berlin im Kasseler Brüder Grimm-Museum dokumentiert

Kassel. In Kassel verbrachten Jacob und Wilhelm Grimm als Märchensammler und Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, wie sie schrieben, "die arbeitsamste und vielleicht auch fruchtbarste Zeit" ihres Lebens. Dessen Stationen sind von der Geburt in Hanau bis zu ihrer letzten Wirkungsstätte Berlin im Kasseler Brüder Grimm-Museum dokumentiert. Nach zweijähriger Sanierung, die sich die Stadt 1,9 Millionen Euro kosten ließ, ist das in einem 1714 errichteten Palais residierende Museum nun wieder eröffnet worden.Im Erdgeschoss wurden Räume für Sonderausstellungen hergerichtet. Die beiden Geschosse darüber beherbergen die von fünf auf zehn Räume erweiterte Dauerausstellung zu Leben, Werk und Wirkung von Jacob und Wilhelm Grimm sowie ihres "Malerbruders" Ludwig Emil (1790-1863). Die Räumlichkeiten versetzen uns mit Möbeln, Haushaltsgegenständen und Bildern aus dem Familiennachlass in alte Zeiten. Mit handschriftlichen Dokumenten, wertvollen Erstausgaben und zahlreichen neu erworbenen Exponaten werden Jacob und Wilhelm Grimm vorgestellt. Sie waren keineswegs sanftmütige Märchenonkel, sondern kantige Typen, wie ihr Biograf Steffen Martus urteilt. Die wissenschaftliche Karriere der später als Professoren an der Uni Göttingen und der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin tätigen Brüder begann 1806 in Kassel zur Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft. Die gab Jacob und Wilhelm den Anstoß zur Suche nach den geistigen Grundlagen der deutschen Kultur. In der revolutionär traditionalistischen Besinnung auf die alten "germanischen" und jüngeren deutschen Sprachdenkmäler sahen sie die Voraussetzung zum Aufbau eines Nationalbewusstseins, das zur Gründung eines deutschen Einheitsstaates führen sollte.

Handschriftliche Dokumente, wertvolle Erstausgaben und zahlreiche neu erworbene Exponate künden von der wissenschaftlichen Arbeit der Grimms. Deren Krönung ist das "Deutsche Wörterbuch". Die Arbeit daran nahmen sie 1838 auf. Zehn Jahre hatten sie veranschlagt. Doch bei ihrem Tod (1859/1863) war das Werk erst bis "Frucht" gediehen. Zahlreiche Gelehrte führten das gigantische Projekt fort, das mit seinen 16 Bänden in 32 Teilbänden als eine der großartigsten Leistungen der europäischen Sprachwissenschaft gilt. Der letzte, 1971 erschienene Band endet mit "Zypressenzweig".

Die ungeheure weltweite Popularität der Brüder Grimm gründet aber auf "Aschenputtel", "Hänsel und Gretel", "Schneewittchen" und ihren anderen "Kinder- und Hausmärchen". Für Bernhard Lauer, den Leiter des Grimm-Museums, stellt die Grimmsche Märchensammlung "neben der Luther-Bibel das bekannteste und berühmteste deutsche Buch dar". Der erste Band mit 100 Märchen erschien 1812, der zweite 1815. Die beiden so genannten "Handexemplare" der Kinder- und Hausmärchen, von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt, liegen als Allerheiligstes in einer Panzerglasvitrine. Im Erdgeschoss widmet sich eine Sonderschau der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen, die dieses Jahr ihr 200. Veröffentlichungsjubiläum feiern. Wobei die Grimms nicht die ersten waren, die volkstümliche Erzählungen nach schriftlichen und mündlichen Quellen aufzeichneten und bearbeiteten. Zum Aufgebot gehören neben der arabischen Sammlung "1000 und eine Nacht" kostbare Erstausgaben von Giambattista Straparola (1480-1558) und Charles Perrault (1628-1703). "Doch mit der Märchensammlung der Grimms begann die systematische Aufsammlung der ,Poesie des Volkes'", wie Lauer betont. Zahlreiche Ausgaben veranschaulichen die internationale Illustrationsgeschichte ihrer Märchen bis in unsere Tage.

Sonderausstellung bis 6. Mai. Geöffnet Di bis So: 10 bis 17 Uhr, Mi: 10 bis 20 Uhr.

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