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Kalkül und Gefühl

Madonna in stabiler Seitenlage. Foto: Mert Alas and Marcus Piggot / Universal
Madonna in stabiler Seitenlage. Foto: Mert Alas and Marcus Piggot / Universal FOTO: Mert Alas and Marcus Piggot / Universal
Saarbrücken. Kühl kalkuliert, aber durchaus gut gemacht ist Madonnas 13. Album. Doch „Rebel Heart“ ist nur dann wirklich interessant, wenn die Sängerin nicht verbissen versucht, die Pop-Konkurrenz auszustechen. Tobias Kessler

Es war ein klassischer Madonna-Moment bei den Grammys im Februar - da lupfte sie auf dem roten Teppich kurz das Röckchen und zeigte ein bisschen Popo. Das Bild raste medial natürlich um die Welt, Madonna weiß ja, wie das funktioniert mit dem Boulevard. Gleichzeitig trat das Foto eine Altersdiskussion los - ob es denn nicht allzu berufsjugendlich sei, mit 56 sein Hinterteil zu zeigen (egal wie gut durchtrainiert es auch sein sollte)? Oder ob man sich der Alters-Diskriminierung schuldig mache, wenn man das Ganze ein wenig peinlich fände.

Madonna hat es also wieder geschafft: Maximale Werbewirkung plus ein bisschen Debatte. Dass sie bei den Brit-Awards Ende Februar dann bei einem Auftritt versehentlich auf dem Hosenboden landete, hat zwar nicht mehr geschadet, war aber wohl nicht Teil des großen Plans, mit dem Madonna ihr 13. reguläres Album unters Volk bringen will. "Rebel Heart" heißt es und will offensichtlich den Glanz wiederherstellen, der zuletzt doch etwas matter schien - wer etwa könnte auf Anhieb einen Madonna-Hit aus den vergangenen fünf Jahren nennen oder gar summen? "Rebel Heart" klotzt mit verschiedenen Editionen: Standard (mit 14 Stücken), Deluxe (19), "Super Deluxe" (25). Geklotzt wird auch mit Produzenten , die gerade en vogue sind - nicht zuletzt Kanye West und Diplo. Aus kommerzieller Sicht ist das verständlich, wirkt aber etwas verbissen und klingt nicht selten austauschbar. Elektro-Tanznummern wie "Hold tight" oder "Iconic" mögen in einer Großraumdisko funktionieren; aber Madonna wirkt da nur wie ein kleines Rädchen in einer großen Produktionsmaschinerie, die sich in Feinarbeit um Glätte und Radiospielbarkeit kümmert.

Zu oft hinterlässt das Album diesen Eindruck - aber ab und an legt "Rebel Heart" das Sterile und eine gewisse Kühle ab: "Joan of Arc" verbindet gekonnt Akustisch-Balladeskes mit federndem Rhythmus und persönlichem Text. Der mag mit seiner Klage über des Ruhmes Schattenseiten (zu viele Fotos, böse Kritiken) etwas sentimental ausgefallen sein. Aber Madonna singt gelöst und mit Wärme - als sei sie einmal nicht mit dem Gedanken beschäftigt, die Konkurrenz durch die angesagtesten Rhythmen und Produzenten auszustechen. Doch schnell schlüpft sie wieder in die Madonna-Rolle; gleich zwei Stücke tragen das Wort "Bitch" im Titel, wohl um zu zeigen, wie verrucht sie sein kann. Doch manchmal scheint sie dieser Pose müde. Im Stück "S.E.X." klingt sie selbst gelangweilt - beim Deklamieren, was sie alles mit dem Gegenüber im Lotterbett anstellen will, klingt sie so routiniert und gleichzeitig müde, dass man ihr ein Kissen und eine Wärmflasche reichen möchte. Es ist wohl nicht leicht, immer Madonna zu sein.

Madonna : Rebel Heart

(Universal). Konzerte: Köln (4. 11.), Berlin (10. 11.).