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Kafka in der Kfz-Werkstatt

Darmstadt. Mit dem Büchnerpreis ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eigentlich Autoren, die "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Auf Walter Kappacher trifft das kaum zu: Der 70-jährige Österreicher ist ein Außenseiter des Literaturbetriebs, einer der Stillen im Lande Von SZ-Mitarbeiter Martin Halter

Darmstadt. Mit dem Büchnerpreis ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eigentlich Autoren, die "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Auf Walter Kappacher trifft das kaum zu: Der 70-jährige Österreicher ist ein Außenseiter des Literaturbetriebs, einer der Stillen im Lande.



Kollegen wie Handke oder Martin Walser haben früh seinen melancholischen Humor, seine hellwache Beobachtungsgabe, seine Begabung für die unspektakulären Dramen und nicht zuletzt seine so reine wie feine Sprache gerühmt; aber in den Bestsellerlisten tauchte dieser "Seltene" (Handke) nie auf. Seinem jüngsten Roman "Der Fliegenpalast" wollte Kappacher Stendhals Motto "To the Happy Few" voranstellen; nun ist er doch noch der unverdienten Verborgenheit entrissen worden.

Walser war es, der in den Siebzigern in Kappachers Helden Wahlverwandte seiner Zürns und Kristleins entdeckte: loyale Angestellte, die unter der Monotonie und Perspektivlosigkeit ihrer Büroexistenz leiden und heimlich von kühnen Ausbrüchen träumen. Bei Kappacher war freilich alles autobiografisch grundiert: Wie Werner Seeger in "Die Werkstatt" (1975) war er Kfz-Mechaniker, wie seine Sekretärin Rosina hatte er in einem Salzburger Reisebüro erfahren, wie man "die Austauschbarkeit seiner Arbeitskraft durch Wichtigtuerei" kaschiert. Und wie die Werbefachkraft aus "Morgen" (1972) glaubte er an eine Zukunft jenseits entfremdeter Arbeit. In "Der lange Brief" (1982, neu aufgelegt 2007) entdeckt der Programmierer einer Pensionsversicherungsanstalt, dass es ein Leben vor der Pensionierung gibt: Der Aussteiger Simon, der in Detroit die Kämpfe der Automobilarbeiter mitmachte und unter den Aborigines einen "Gesang wie nicht von dieser Erde" hört, bezeugt, wovon Novalis raunt: "Das Leben soll uns kein gegebener, sondern von uns gemachter Roman sein".

Kappacher, der es auch mal als Milchbauer in der Schweiz, mal als Schauspieler versuchte, hatte immer viel Sympathie für die Aussteiger, die sich ihren Schneid und ihre Utopien nicht abkaufen lassen. In "Selina oder Das andere Leben" (2005) erzählt er, frei von Idyllenseligkeit, von einem Lehrer, der in der Toskana ein Leben meditativer Langsamkeit im Einklang mit der Natur entdeckt. Die österreichischen Grünen haben Kappacher denn auch gleich vereinnahmt - und aus der Tatsache, dass nach Josef Winkler zum zweiten Mal hintereinander ein Landsmann den Büchnerpreis erhält, auf "ungeahnte Höhenflüge" der heimischen Literatur geschlossen. Aber Kappacher ist kein romantischer Ökoapostel: Dem bekennenden Motorradschrauber liegt die Arbeit an der Literatur mindestens so am Herzen wie das, was man einmal die "Literatur der Arbeitswelt" nannte. Schon in der Autowerkstatt und im Reisebüro träumte er sich mit "Wilhelm Meister" und Kafka weit weg.

Sein viel gelobter "Fliegenpalast" (2009) ist sein erster Künstlerroman: Mit großer Behutsamkeit und einer an Stifter und Jean Paul geschulten Sprache fühlt Kappacher sich in eine Schreib- und Lebenskrise des alternden Glückskinds Hugo von Hofmansthal ein. Vermutlich dachte die Darmstädter Akademie vor allem an diesen Roman, als sie die "leise, musikalische Prosa voll melancholischer Unerbittlichkeit, stets traurig, nie trostlos" rühmte. Der Büchnerpreis krönt jetzt das Lebenswerk eines Autors, der immer schon groß in seiner Leidenschaft für das Kleine war.