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Julie im Monster-Käfig

Julie (Yevgenia Korolov), Jean (Andreas Anke) und Sophie Köster als Kristin (von links). Foto: Bettina Stöß
Julie (Yevgenia Korolov), Jean (Andreas Anke) und Sophie Köster als Kristin (von links). Foto: Bettina Stöß FOTO: Bettina Stöß
Saarbrücken. Kein Rausch, kein Reigen: Christoph Mehler zeigt „Fräulein Julie“ als Horrorfilm im anstrengenden Halbdunkel. Eine eigenwillige und unerwartete Strindberg-Annäherung, die viel Beifall bekam. Am Sonntag war Premiere in der Alten Feuerwache in Saarbrücken. Cathrin Elss-Seringhaus

Eine übermütige Mittsommernacht in Schweden, Partytime: Die Sonne geht wohl nie mehr unter. Doch es ist stockdunkel in Saarbrückens Alter Feuerwache. Das Kaminfeuer glimmt fahlweiß. Es macht frösteln. Die aufgeschichteten Plastik-Leuchtstäbe setzen ein abstraktes Zeichen in die Düsternis. Ein einsamer roter Seidenvorhang, ein historisches Sprechrohr, rohe, schwarze Holzwände, nacktes Mauerwerk (Bühne/Kostüme: Jochen Schmitt). Nun denn, eine krasse Anti-Illusions-Bühne für Strindbergs "naturalistisches Trauerspiel". Der Regisseur befindet sich also auf Radikalkurs mit dem Üblichen. Das diffuse Licht wird unsere Augen bis zum Ende dieses demonstrativ schmucklosen, ausgekahlten Strindberg-Abends sehr anstrengen. Wir sind überhaupt ein wenig aufgerieben von der Monster-Show, die in der Alten Feuerwache ein unstandesgemäßer Koitus zwischen Grafentochter und Diener auslöst. Wäre das heutzutage nicht eher ein Stoff für Familien-Komödien?

Nicht, dass wir August Strindbergs "Fräulein Julie" (1888) nicht schon mal als klassenkämpferisches Schauerstück gesehen hätten. Die Geschichte gibt viel her an Oben-Unten-Konfrontation: Junge Adelige verführt einen Diener, der die "Gefallene" jedoch zurückweist und dann zum Selbstmord drängt.

Aufgepumpt mit Künstlichkeit

Bei Gastregisseur Christoph Mehler umkreisen zwei schwarz gekleidete Gestalten das kaum erhöhte Spiel-Rechteck. Am Ende werden sie mit Blut verschmierten Mündern auftauchen. Im Mittelpunkt steht eine Frau wie eine festgeschweißte Figurine, die Arme zum Himmel gereckt wie eine ägyptische Gottheit, steife helle Korsage, bodenlanger schwerer Satinrock. Der gesamte Abend ist ähnlich mit Künstlichkeit aufgepumpt. Mehler wählt eine überaus starre Versuchsanordnung und behält sie auch noch nach dem Sturz Julies bei, mit vertauschten Rollen. Dann muss die ihrer Robe beraubte Herrin um die Diener kreisen. Aber trägt dieser Einfall einen ganzen Abend? Mehler interessieren weder Psychologie noch Milieu noch Aktualisierung, sondern archaische Sado-Maso-Strukturen. Wer Schwäche zeigt, wird gefressen, lautet die Moral von seiner Geschicht'. Hier ist es Julie, die sich mit ihrer verkorksten Familiengeschichte offenbart, doch sie befindet sich im Raubtierkäfig. Jean (Andreas Anke) und seine Verlobte, die Magd Kristin (Sophie Köster), jagen und erlegen sie. Yevgenia Korolov öffnet die polierte Oberfläche der Julie für alle nur denklichen Verwunderungs- und Verzweiflungstöne. Zunächst nervt sie als affektiertes Prinzesschen mit Domina-Attitüde, die das Lieblingswort "Vitevite" wie Torero-Spieße in Richtung Dienerschaft stößt. Nichts in Korolovs großartiger Figurenzeichnung erinnert an das übliche Strindberg-Frauchen, das durch Begehren und Abenteuerlust ins Unglück gerät. In Saarbrücken vollzieht Korolov den Sex mit Jean als wilden Ritt, als Gewalt- und Unterwerfungsakt. Danach landet sie in einer Art Folterkammer der Worte: Kränken, Verletzen, Demütigen, so bringt Jean sie zur Strecke. Fast schon eine Virginia-Woolf-Szenerie, man staunt.

"Sie sehen aus wie ein Gentleman" - selten hat sich Strindbergs Heldin so geirrt. Schwitzend, schnaufend, stöhnend zelebriert Andreas Anke Devotheit bis zur Ekelgrenze. Krümmt sich wurmartig in die Verbeugung, schnüffelt wie ein Hund an Julies Achseln. Später liefert er das kehlige Gebrüll eines Diktators ab, Hitler lässt grüßen. Das ist plakativ-platt statt schillernd. Nirgendwo lauert Geheimnis.

Ganz anders erlebt man das bei der Nebenfigur Kristin, die Mehler aufwertet, indem er sie dauerhaft auf der Szene präsent hält. Sophie Köster gelingt eine beklemmende Vampir-Gestalt, mal Greisin, mal Kind, nie Weib. Rachgier einer zur Kurzgekommenen treibt sie an. Mit dieser Figur führt Mehler das Stück mitten hinein in Strindbergs durch Minderwertigkeitsgefühle ausgelöste Psychosen. Doch im Reich des Surrealen schaukelt "Julie" nah am Abgrund - zwischen Gelingen und Missraten.

Termine: 27. November, 2., 11., 12., 27. und 28. Dezember. Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.