Jeder hat das Recht, beleidigt zu werden

Jeder hat das Recht, beleidigt zu werden

Drinnen im Saal jubeln 1400 Zuhörer. Draußen sagt eine entrüstete Hallenmitarbeiterin, man solle Serdar Somuncu doch besser "aus dem Verkehr ziehen". An dem Kabarettisten mit türkischen Wurzeln scheiden sich die Geister.

Und in der Tat bietet der 46-Jährige heftige Kost, auch an diesem Montag. So ist eines seiner Lieblingsworte die obszöne Bezeichnung fürs weibliche Geschlechtsteil (und 70 Prozent seines Bühnenwortschatzes nicht zitierfähig). Über Veganer schüttet er in etwa so viel Häme aus wie über Nazis und Islamisten. Und wer mittendrin in Richtung Klo eilt, muss bejubelte Spekulationen über seine Intimfrisur ertragen.

An anderen Stellen wiederum geht es thematisch völlig weg von der Comedy bis hin zur Pornografie. Kollegen wie Kaya Yanar , Bülent Ceylan oder Mario Barth , die ebenfalls ihr Fett abbekommen, sollen neben ihm wie brave Schulbuben wirken. Kein Wunder, stellt der selbst ernannte "Hassias" doch gleich am Anfang klar, dass er "flächendeckend beleidigt", schließlich habe jede Minderheit das Recht auf Diskriminierung. Aber auch vor Mehrheiten macht er Comedian nicht halt - so schleudert er dem Publikum ein vergnügtes "Ihr Scheiß Nazi-Deutsche" entgegen. Die "je suis Charlie"-Solidarität kennzeichnet er als "Gipfel der Verlogenheit", weil zeitgleich Boko Haram mehr Menschen getötet hätte. Es scheint, als mache Somuncu vor nichts halt. Nur: Worin liegt nun seine eigene Aussage? Hat er eine?

In ruhigeren Momenten erzählt er von seinem Werdegang: Seine Lesungen aus "Mein Kampf", die ihm Morddrohungen von Nazis einbrachten, oder seine stark gekürzten TV-Auftritte, wogegen ihn auch Kollegen nicht verteidigt hätten. All das führt Somuncu zur nahezu besinnlichen Botschaft ans Publikum: Bitte den eigenen Gedanken hegen und pflegen.