Industrie-Arbeiter immer stärker belastet

Industrie-Arbeiter immer stärker belastet

Betriebsräte der Dillinger Hütte, von Saarstahl und von Ford schlagen Alarm: Den ständig steigenden Forderungen nach noch höherer Produktivität halten immer weniger Beschäftigte auf Dauer stand.

. Die meisten saarländischen Industriebetriebe stehen unter immer stärkerem internationalen Konkurrenzdruck. Für jeden Beschäftigten bedeutet das auch, dass er immer mehr Leistung bringen muss. Offensichtlich sind bei Forderungen nach noch mehr Produktivität inzwischen Grenzen erreicht. Betriebsräte und Fachleute für Arbeitsschutz forderten auf einer Tagung der vier saarländischen IG-Metall-Verwaltungsstellen, der Arbeitskammer sowie des Bildungswerks Saarland "Arbeit und Leben" die Arbeitgeber saarländischer Industriebetriebe auf, Arbeitsplätze altersgerechter zu gestalten und den Gesundheitsschutz zu erhöhen.

Immer mehr Industrie-Arbeitnehmer hielten die jahrzehntelangen Belastungen nicht mehr bis zur Rente durch und müssten früher aufgeben. Zudem werde durch Personalabbau die Arbeitssicherheit gefährdet. Von Stress und Leistungsdruck besonders betroffene Mitarbeiter könnten nach Abbau kompletter Abteilungen und Aufgabenbereiche nur schwer auf andere Arbeitsbereiche ausweichen.

"Jede zweite Frühverrentung ist heute psychisch bedingt. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt schon bei 49 Jahren", betonte Ferdinand Weidig von der IG Metall Völklingen. Sie hielten den permanenten Druck und die Forderungen nach noch mehr Produktivität nicht mehr aus. "Die Stahlarbeiter sollen willig sein und möglichst an allen Standorten der saarländischen Stahlindustrie arbeiten", kritisierte Michael Fischer, Betriebsratschef der Dillinger Hütte . Das könne nicht jeder leisten. Viele junge Mitarbeiter hätten kein Auto, andere müssten Familienangehörige pflegen und wüssten nicht, wie sie das bei einem Standortwechsel noch bewerkstelligen können. Verlässliche private Planungen seien wegen immer höherer Anforderungen, permanentem Schichtdienst und erwarteter Flexibilität kaum noch möglich. Das steigere psychische Belastungen und den Druck noch mehr.

Stefan Ahr, Betriebsratsvorsitzender von Saarstahl, sieht eine "extreme Leistungsverdichtung". Markus Thal, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Ford-Saarlouis, berichtete von einer harten Auseinandersetzung mit der Unternehmensleitung wegen von ihr geäußerter Beschwerden über lange Fehlzeiten von Beschäftigten. Diese sind laut Thal auf immer härtere Arbeitsbedingungen , höhere Produktionszahlen und Forderungen nach noch mehr Produktivität zurückzuführen. Saarstahl-Betriebsrat Uwe Werdehausen berichtete über Überlegungen der Geschäftsführung, dass in der Saarschmiede künftig eine Person mehrere Arbeitsplätze bedienen soll. Ein Mitarbeiter müsse dann mehrere Drehbänke versorgen, auf denen Vormaterialien für Turbinen bearbeitet werden. Solche Vormaterialien bestünden aus 180 Tonnen hochwertigem Stahl. Mache ein Mitarbeiter hier einen Fehler, bestehe die Gefahr, Schrott zu produzieren. Auch bei Saarstahl müssten mehrere Produktionslinien gleichzeitig im Schichtbetrieb überwacht werden. "Schon der Umgang mit solchen Werten erzeugt genug Druck. Der Bediener der Anlage steht sozusagen selbst im Feuer", betonte Werdehausen. Eine wichtige Investition zum Gesundheitsschutz, die Entstaubungsanlage im Stahlwerk für 30 Millionen Euro, sei vertagt. Arbeitsbedingungen müsse man mehr aus dem Blickwinkel eines 60- bis 65-Jährigen betrachten, so die Betriebsräte. Wegen der rückläufigen Bevölkerungszahl werde es schwerer, Nachwuchskräfte zu finden.

Meinung:
Die Stützen der Saar-Wirtschaft

Von SZ-RedakteurThomas Sponticcia

Es muss alarmieren, wenn immer mehr ältere Beschäftigte in den saarländischen Industrie-Betrieben den jahrzehntelangen Belastungen nicht mehr gewachsen sind, erkranken oder gar das Rentenalter nicht mehr erreichen. Betriebe müssen sich dem Konkurrenzdruck stellen, aber nicht um jeden Preis. Zumal die Mitarbeiter auch eine Stütze der Saarwirtschaft sind. Deshalb müssen sich Führungskräfte, Arbeitnehmervertreter und die Belegschaft gemeinsam überlegen, wie man jeweils Arbeitsbedingungen noch besser so gestalten kann, dass die Beschäftigten gesund bleiben und nicht schon vor der Rente verschlissen sind.