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Im Tunnel des Grauens

In nur zehn Tagen hat Chiharu Shiota ein atemberaubendes Tunnel-Netz-Werk in der Stadtgalerie geschaffen. Foto: Iris Maurer
In nur zehn Tagen hat Chiharu Shiota ein atemberaubendes Tunnel-Netz-Werk in der Stadtgalerie geschaffen. Foto: Iris Maurer FOTO: Iris Maurer
Saarbrücken. Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota, die ihr Land in diesem Jahr auf der Biennale in Venedig vertritt, begeistert in der Stadtgalerie Saarbrücken mit raumfüllenden, unheimlichen Installationen. Bülent Gündüz

Gruselig. Aufregend. Unglaublich. Ehrfürchtig raunen Besucher der Saarbrücker Stadtgalerie derlei, während sie durch die Ausstellungsräume flanieren. Der erste Ausstellungssaal ist in ein Halbdunkel gehüllt. Von den Ausmaßen des Raumes ist nicht viel geblieben. Als ob hier eine riesige Spinne ihr Werk vollbracht hat, ist der Raum mit einem dichten Gespinst aus schwarz-grau schimmernden Wollfäden gefüllt. Nur der entstandene schmale Tunnel lässt den Besuchern Platz, um hindurch zu kommen. Unweigerlich wird man von dem Gang eingesaugt und gelangt in einen zweiten Raum. In der Schreckenskammer hängen in dem Netz sieben weiße Kleider. Eines scheint ein Brautkleid zu sein, aber auch Kinderkleidchen hängen hier. Wo sind ihre Besitzer? Was geschah mit den Menschen? Unweigerlich setzt das Kopfkino ein.

Diese atemberaubende Installation stammt von Chiharu Shiota. In einer enormen Fleißarbeit hat die in Berlin lebende Japanerin mit einigen Helfern in zehn Tagen dieses kleine Wunder vollbracht. Und gleich noch ein zweites. Im Saal darüber hat sie ein ähnliches Monstrum gesponnen. Hier tritt man am Ende des Tunnels in helles Licht und steht vor einigen großformatigen Arbeiten auf Papier, auf das die Künstlerin mit dem Körper rote Farbe aufgebracht hat. Auf den Betrachter wirkt es, als hätte sich hier ein Mensch im Todeskampf in seinem Blut gewunden. Auch hier sind aber nur Spuren menschlichen Lebens geblieben.

Wie großartig die Arbeiten von Shiota wirklich sind, sieht man im dritten Ausstellungssaal. Neben einigen wunderbaren Grafiken und einer starken Video-Performance sind hier kleinere Werke zu sehen, in denen die Künstlerin die großen Installationen auf ein kleineres Maß reduziert hat. Shiota hat mit schwarzen Leisten dreidimensionale Rahmen gebaut, in denen sie Fundstücke wie etwa Kinderschuhe oder Puppenhände mit schwarzen Garngespinsten einhüllt. Auch wenn diese handwerklich perfekt sind, verlieren die kleinen Werke ihren ästhetischen Reiz und wirken wie ein müder Abklatsch der raumfüllenden Installationen. Der Angriff auf die Nerven fehlt. Aber auch eine Installationskünstlerin muss von etwas leben und Werke verkaufen. Deshalb wohl diese kleinen Arbeiten.

Shiotas besondere Qualität liegt auch darin, dass sie sich nie zu wiederholen scheint und daher nicht langweilig wird. Sie versteht es immer wieder, die ihr gebotenen Räume perfekt zu nutzen. Ihren größten Triumph wird sie in diesem Sommer feiern, wenn sie den Pavillon ihres Heimatlandes bei der Biennale in Venedig bespielen darf. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass ihre Arbeit eine der aufregendsten Ausstellungen in Venedig werden wird.

Läuft bis 5. April. Di-Fr: 12 bis 18 Uhr. Sa/So: 11 bis 18 Uhr.