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Im Kampf mit dem Bemoosten

Salzburg. Statt Kurtág gab's zum Auftakt der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule die Oper „Gawain“ von Harrison Birtwistle. Ein komplexer mythologischer Stoff. Leider t Regisseur Alvis Hermanis wenig zur Enträtselung bei. rug

Eigentlich hätte eine neue Oper von György Kurtág die Salzburger Festspiele eröffnen sollen. Es wäre der Start zu dem ambitionierten Projekt des Intendanten Alexander Pereira gewesen, jeden Sommer eine Auftragsoper uraufzuführen. Da aber der ungarische Komponist nicht rechtzeitig fertig wurde, wählte Pereira die außerhalb Englands noch nie gespielte, 1991 uraufgeführte Oper "Gawain" von Harrison Birtwistle (Libretto: David Harsent) als Eröffnung.

Im groß besetzten ORF-Radio-Symphonieorchester dominieren die Blechbläser (drei Tuben!) und das Schlagzeug den spröden, dunklen, geräuschintensiven Orchesterklang. In guten Momenten gelingt es Dirigent Ingo Metzmacher, die einzelnen Schichten der nahezu dauererregten Musik offen zu legen und einen Weg zu bahnen durch das Klanggeflecht. Häufig ist das Orchester aber zu dominant. Insbesondere die wenig überzeugenden Jeffrey Lloyd-Roberts (König Artur) und John Tomlinson (Der Grüne Ritter) müssen forcieren, um überhaupt gehört zu werden - was zu deutlichen Qualitätseinbußen führt. Ausgerechnet der als indisponiert angekündigte Christopher Maltman als Gawain hinterlässt mit seinem geschmeidigen Bariton den besten Eindruck.

Die auf walisische Mythologie zurückgehende Geschichte erzählt vom alten König Artus und seinem erschöpften Gefolge, das durch den Grünen Ritter herausgefordert wird. Gawain schlägt dem Ganzkörperbemoosten (Kostüme: Eva Dessecker) den Kopf ab, soll aber ein Jahr später das Gleiche über sich ergehen lassen. Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis entschlüsselt die rätselhafte Geschichte nicht, sondern fügt ihr noch weitere Ebenen hinzu. Die christliche Welt um König Artus ist nach einer ökologischen Katastrophe traumatisiert. Gawain wird vom Regisseur zu Joseph Beuys gemacht, der mit Hut und Weste in die mit der Natur gleichgesetzte Welt des Ritters stiefelt. Hier wächst Gras über die Zivilisation. Schlitten, Filz, Hund und Hase erinnern an Beuys-Aktionen.

Irgendwann ist man ziemlich verloren in dem Dickicht an Klängen und Symbolen. Dennoch gibt es starke Momente wie die Verführungsszene im 2. Akt. Laura Aikin singt hier Gawain als Zauberin Morgan le Fay mit einem betörenden Wiegenlied in den Schlaf, um ihn für Lady de Hautdesert (mit klarem, schlichten Mezzo: Jennifer Johnston) gefügig zu machen. Dreimal widersteht Gawain der weiblichen Verlockung. Und darf am Ende seinen Kopf behalten.