Im Feuerschein des brennenden Reichstags

Im Feuerschein des brennenden Reichstags

Kein Wunder, dass Regisseur Tom Tykwer an einer TV-Adaption von Volker Kutschers Bestseller-Reihe um den Kommissar Gereon Rath arbeitet. Auch dessen fünfter Fall, der im Berlin des Jahres 1933 spielt, bietet Spannung, die in genau recherchierte historische Details eingebettet ist.

Berlin , in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933. Der Reichstag brennt, und Kriminalkommissar Gereon Rath wird aus dem Kurzurlaub in seiner vom Karnevalsfieber betäubten Heimatstadt Köln zurück in die Hauptstadt beordert. Denn die NSDAP hat den vermeintlichen Drahtzieher schnell benannt: die KPD . Nach seiner Rückkehr aus dem Rheinland soll sich Rath deshalb schnellstmöglich um die Vernehmung aller "kommunistischen Staatsfeinde" widmen, deren man habhaft werden konnte. Kommunistenhatz statt Mördersuche. Was zählt da schon der Tod eines Obdachlosen, der am Nollendorfplatz in Soldatenkleidung erstochen aufgefunden wurde?

Die Suche nach dem Mörder muss warten, wird aber durch den Anruf eines Zeitungslesers noch brisanter: Achim Freiherr von Roddeck, Leutenant a. D., kannte den Toten und glaubt, dass das Motiv für den Mord in der unmittelbar bevorstehenden Veröffentlichung seiner Kriegserinnerungen zu suchen ist. Denn kurze Zeit, nachdem der Vorabdruck von "Märzgefallene" in der Presse angekündigt wurde, hat der Autor Roddeck einen Drohbrief erhalten - er solle über die Kriegsereignisse schweigen. Rath nimmt die Sorge des spätberufenen Literaten wenig ernst und versagt ihm den Wunsch nach Personenschutz, den Roddeck aufgrund seiner guten Beziehungen zur Partei dann doch bekommt. In seinem Roman schildert der Freiherr die Ereignisse an der Westfront während der sogenannten "Operation Alberich", der er auch selbst beigewohnt hat und in deren Verlauf die deutschen Soldaten Goldbarren einer französischen Bank unterschlagen und versteckt haben. Wie aber hängt das mit dem toten Obdachlosen zusammen?

Autor Volker Kutscher fängt die aufgeladene Atmosphäre unmittelbar nach der Machtergreifung im Januar 1933 überzeugend und authentisch ein, die Figuren sind im Unwissen darüber, was Deutschland noch bevorsteht. Mit dem nunmehr fünften Fall der auf insgesamt acht Bände angelegten Krimireihe mit Schauplatz Berlin in den 20er und 30er Jahren besticht Kutscher einmal mehr durch die gelungene Mischung aus einem präzisen Handlungsbogen und den akribisch recherchierten Details. Kutscher zu folgen, das ist niemals nur eine einfache, unterhaltsame Krimilektüre, sondern immer wieder aufs Neue eine fesselnde, nicht selten schockierende Konfrontation mit der deutschen Historie, wie sie es Geschichtsbücher kaum leisten können.

Regisseur Tom Tykwer ist gerade dabei, Kutschers 2007 erschienenen ersten Gereon-Rath-Krimi "Der nasse Fisch" für die ARD zu adaptieren. Acht oder zehn Teile sollen es werden, die übrigen Fälle sollen folgen, wenn die Adaption ankommt. Aber etwas anderes kann man sich bei der Qualität der Vorlage nicht vorstellen.

Volker Kutscher: Märzgefallene. Kiepenheuer & Witsch, 603 Seiten, 19,99 Euro.