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"Ich bin der beste Regisseur der Welt"

Cannes. Feindselig war die Atmosphäre. Zu Beginn der Pressekonferenz wurde Lars von Trier (Foto: afp) von einem Journalisten aufgefordert, sich für seinen Film "Antichrist" zu rechtfertigen

Cannes. Feindselig war die Atmosphäre. Zu Beginn der Pressekonferenz wurde Lars von Trier (Foto: afp) von einem Journalisten aufgefordert, sich für seinen Film "Antichrist" zu rechtfertigen. "Ich schulde niemandem eine Erklärung", sagte der angespannte Däne über den vorprogrammierten Festivalaufreger, der Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg als Paar im Ausnahmezustand zeigt. "Außerdem habe ich nie eine Wahl. Das ist die Hand Gottes, und ich bin der beste Filmregisseur der Welt", fügte er verschmitzt hinzu. Das sahen die meisten Zuschauer anders: Die buhten sein zum Kunsthorror ausgebautes Psychodrama, das der Regisseur nach eigener Aussage aus einer starken Depression heraus entwickelte, kräftig aus. Die Mittel, die von Trier für seine filmische Selbsttherapie um Schuld, Ängste, Sexualität und das Böse in der Natur der Frau anwendet, sind denkbar radikal. Doch auch wenn er viele Zuschauer mit Schockbildern vor den Kopf stößt: Er entfacht sein audiovisuelles Inferno mit formaler Brillanz."Antichrist" ist nicht der einzige Gewalt-Trip in Cannes. Der Wettbewerbsbeitrag "Kinathay" von Brilante Mendoza provozierte eine ähnliche Reaktion. Der philippinische Regisseur entwirft - allerdings mit simpler Moral - eine Reise in die Nacht mit aufreibender Tonspur und hypernervösen Handkamerabildern, die dem Publikum keinen Ausweg lässt: Man wird Zeuge, wie eine Prostituierte von Polizisten misshandelt und zerstückelt wird."Kinathay" und "Antichrist" sind bisher die extrem polarisierenden Ausreißer in einem ansonsten soliden Jahrgang, bei dem es zur Halbzeit keinen eindeutigen Favoriten gibt und manche Veteranen unter ihren Möglichkeiten bleiben. Pedro Almodóvar verschränkt in "Zerrissene Umarmungen" zwar Melodram und Film Noir, um die gewohnt exquisit bebilderte Geschichte eines erblindeten Regisseurs und einer fatalen Liebe auszubreiten. Allerdings bleibt der Film kühl und distanziert. Daran konnte auch sein hervorragendes Ensemble, allen voran Penelope Cruz, nichts ändern.Auch der britische Regisseur Ken Loach konnte mit "Looking for Eric" nicht an seine Großtaten anknüpfen. Dafür hatte er aber die Fußball-Legende Eric Cantona im Schlepptau, die sich mit Sinn für Selbstironie in der Tragikomödie selbst spielt und als Idol einem Postler hilft, dessen Leben neu zu ordnen. Das hat streckenweise durchaus Charme und Figuren, die gewohnt nah am Leben sind. Die Geschichte wird diesmal aber viel zu grob entwickelt und mündet in ein Feel-Good-Finale, das für Loach-Verhältnisse fast schon Hollywood ist. Wohlwollend aufgenommen wurde dieser "Loach-Light" trotzdem. Wahrscheinlich weil viele Kritiker froh waren, das Kino auch einmal mit einem Lächeln verlassen zu können. ret