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Holmes, Watson und die Geistlichkeit: Peter Jackob auf Doyles Spur

Es ist nicht der Plot, der den klassischen Sherlock Homes-Erzählungen und Romanen ihren Reiz und ihre Unverwechselbarkeit verleiht, sondern die brillanten Dialoge zwischen der Detektiv-Ikone und seinem ungleichen Freund und Mitstreiter Dr. Watson Von SZ-Mitarbeiterin Christine Hager

Es ist nicht der Plot, der den klassischen Sherlock Homes-Erzählungen und Romanen ihren Reiz und ihre Unverwechselbarkeit verleiht, sondern die brillanten Dialoge zwischen der Detektiv-Ikone und seinem ungleichen Freund und Mitstreiter Dr. Watson. Forensisches Arbeiten, analytische Beobachtung und nüchterne Schlussfolgerung - diese drei Säulen machen die Geschichten um das vermeintlich erste Ermittlerduo in der Kriminalgeschichte so einzigartig.Sie hat nicht nur in der Vergangenheit so manchen Schriftsteller veranlasst, sich auf die Spuren des Sherlock Homes-Erfinders Sir Arthur Conan Doyle zu begeben. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Pastiches, eine besondere Form der Parodie, in deren Vordergrund nicht Komik, Polemik und Satire steht. Hier werden die Charaktere der Vorlage nachempfunden, ohne sie zu karikieren, Schauplätze des Originals wieder belebt, der Duktus der Dialoge bemüht. Mark Twain, Stephen King, Neil Gaiman, Maurice Leblanc - sie alle ließen den angelsächsischen Privatdetektiv auferstehen und auch der Mainzer Peter Jackob, der lange in Saarbrücken lebte und in Sulzbach den Kleinverlag Konrad Kirsch betrieb, legt nun bereits seinen zweiten Sherlock-Holmes-Roman vor.

Ausgangspunkt für Holmes' Ermittlungen ist ein Fieberdelirium Dr. Watsons, in dessen Verlauf ihm ein längst in Vergessenheit geratenes Verbrechen wieder präsent wird, in dem nicht nur seine Familie, sondern auch er selbst eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Aus dem Fieberträumen erwacht, kann er sich nicht daran erinnern, Holmes seine Erinnerungen geschildert und ihn in dieser Angelegenheit um Hilfe gebeten zu haben. Aber der ist zur Stelle und hat längst mit seinen Recherchen begonnen. Bis die beiden allerdings wieder zusammen in der legendären Baker Street 221b vor dem Kamin sitzen und bei einem Glas Rotwein auf "das Leben und das Lachen" anstoßen, liegt ein steiniger, mitunter schlecht überschaubarer Weg vor ihnen.

In gewohnt subtiler Manier - hier steht Jackob seiner Vorlage nicht nach - spinnt Holmes die unübersichtlich verwobenen Verbindungsfäden zwischen der Ermordung Bischof Montgomerys, dem Raub eines wertvollen Goldschatzes aus der Krypta des Bischofssitzes und der Rolle, die Watsons Cousin in diesem dubiosen Spiel zukommt. Dabei wird schnell klar, dass die Interessen der Geistlichkeit weniger sakraler als materieller Natur sind.

Jackob fängt die Atmosphäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts in der britischen Grafschaft Kent sehr authentisch ein und entwickelt die Dialoge mit viel Gespür für den feinsinnigen Humor, der die Gespräche von Holmes und Watson bereits im Original so unverwechselbar machen. Für Liebhaber traditioneller englischer Krimis in Doyle'scher Provenienz ist "Das Geheimnis von Compoton Lodge" sicherlich ein unterhaltsames Vergnügen, auch wenn das Entlanghangeln an großen Vorbildern immer nur eine Reminiszenz bleiben kann, die am Ende wenig Originäres zu bieten hat.

Peter Jackob: Das Geheimnis von Compton Lodge. Gollenstein, 208 Seiten, 14,90 €