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| 20:22 Uhr

Herz, Schmerz, Schmalz und gute Laune

Stimmlich wie darstellerisch stark: János Ocsovai, Elisabeth Wiles, Stefan Röttig, Sofia Fomina, Rupprecht Braun (von links). Fotos: Hickmann/Stage Picture
Stimmlich wie darstellerisch stark: János Ocsovai, Elisabeth Wiles, Stefan Röttig, Sofia Fomina, Rupprecht Braun (von links). Fotos: Hickmann/Stage Picture
Saarbrücken. An der Garderobe des Staatstheaters treffe ich Herrn Beckmesser. Der hat ja immer was zu meckern Von SZ-Mitarbeiter Hans Bünte

Saarbrücken. An der Garderobe des Staatstheaters treffe ich Herrn Beckmesser. Der hat ja immer was zu meckern. "Unerhört!" murrt er, "sehen Sie sich die Welt an: Eurokrise, Inflationsgefahr, drohende Altersarmut für jeden Dritten, zwei Drittel des Volksvermögens in den Händen von einem Zehntel der Bevölkerung, aber Trostpflaster für Minijobber: Sie dürfen ab 2013 fünfzig Euro mehr verdienen, toll! Und was tut unser Staatstheater? Sagt Prost' und serviert eine Silvestergala unter dem Titel: ,Lieber reich, aber glücklich.'" "Das ist Ironie", sage ich. Die haben selber geschrieben, es gebe "süffigen Lehár" und "frechen Johann Strauß", "Herz" dürfe sich auf "Schmerz" reimen ... "Quatsch", ruft Beckmesser mit scheelem Blick auf das sich drängende Publikum in feinem Zwirn, "hier reimt sich Herz auf Nerz und Kommerz oder auch Commerz, wenn Sie so wollen. Das Ganze ist Zynismus im Dreivierteltakt."

Die einzelnen Titel des Programms liest er denn auch als eine durchgehende, leicht skurrile Geschichte - "Es steht ein Soldat am Wolgastrand", "Grüß' Euch Gott alle miteinander", "Nuit d'amour" undsoweiter. Der abgestürzte Kronleuchter auf der Bühne lässt ihn grübeln. Doch dann überrumpelt auch ihn die allgemeine Heiterkeit. Mit rieselndem Goldflitter und wippenden Federboas (Kostüme: Kathrin Engel), flottem Lichtwechsel und sparsamsten Requisiten (Bühne: Christian Held) hatte Katharina Molitor einen Guckkasten auf die Vorbühne gegaukelt; Gaetano Franzese choreografierte dazu einen "Weiber-Marsch". Die Moderation von Operndirektorin Brigitte Heusinger schließlich erwies sich als so pfiffig und pointenreich, dass sie sich das Manuskript hätte sparen können.

"Tenoralen Schmelz, sopranistische Süße, baritonales Feuer" hatte das Staatstheater versprochen, und ausnahmeweise entsprach diese Werbung dem gelieferten Produkt. Den fünf ausgezeichneten Sängern - Sofia Fomina mit brillanten Koloraturen und Elizabeth Wiles mit szenischem Witz, der routinierte Bühnenhase Rupprecht Braun, János Ocsovai mit angenehm dosiertem Schmelz sowie der auch komödiantisch sichere Stefan Röttig - gelang sogar der schwierige Balanceakt, einerseits alle Erwartungen an eine Operetten-Gala zu erfüllen und andererseits den latent drohenden Kitsch mit Selbstironie zu konterkarieren. Etwa als János Ocsovai immer wieder vorpreschte, um endlich "Dein ist mein ganzes Herz" in den Saal schmettern zu können, und dieser Ohrwurm schließlich sogar als Quintett erklang, was die Frage, wessen Herz nun wem gehöre, überflüssig machte. Nur bei Lehárs "Lippen schweigen" versagte alle Verfremdungskunst - da tropfte, wie man in Berlin sagt, der Schmalz von der Stulle. Was die vielen "älteren Mitbürger" (wie Frau von der Leyen sagen würde) im Publikum nicht hinderte, mitzusummen und in versonnener Erinnerung an die Jugendzeit die Köpfe zu wiegen.

Dazu beigetragen hatte in der Pause der Gratis-Sekt für alle. "Müssen die Geld haben", moserte Beckmesser. Das können die doch absetzen, sagte ich, und zeigte ihm das Kreuzchen auf dem Ticket, das allzu Trinkfreudige hinderte, ein zweites Glas zu erbeuten. Das Staatsorchester musizierte auch ohne alkoholische Unterstützung klangschön und sicher - ein Glanzpunkt des Programms war das Intermezzo von Eduard Künneke - wobei sein Dirigent Thomas Peuschel auch mit dem Rücken zu den Sängern all die Rubati und Ritenuti abfing, die zu dieser Musik gehören. Am Ende stürmischer Beifall und Zugaben. Beckmesser ergatterte eine der roten Rosen, die eine sichtlich zufriedene Generalintendantin ins Publikum warf. "Sehen Sie?", schwadronierte er, als wir in die laue Luft dieser Silvesternacht hinaustraten, "die Leute wollen mehr Operetten!" Na, ich geb's mal weiter.

Am 15. Februar steht die Operettengala noch einmal auf dem Spielplan des Großen Hauses in Saarbrücken. Weitere Vorstellungen während des Umbaus im Staatstheater ab Mai in der Industriekathedrale Alte Schmelz, Sankt Ingbert: 25.5., 23.6., 27.6., 29.6., 4.7. Karten unter Tel. (06 81) 30 92 486.

Keine Operetten ohne Champagner! In der Pause gab's ein Glas Sekt fürs Publikum.
Keine Operetten ohne Champagner! In der Pause gab's ein Glas Sekt fürs Publikum.