Helene Fischer trennt sich von Florian Silbereisen So tickt der "Atemlos"-Megastar

Sie verdient Millionen und gibt selten Interviews : Das Phänomen Helene Fischer

Die populärste deutsche Sängerin ist allgegenwärtig und dennoch ein Rätsel. Deutschlands erfolgreichster Popstar Helene Fischer ist ein Phantom.

Was weiß man eigentlich über Helene Fischer? Dass sie sich gerade getrennt hat, okay. Aber sonst? Wie lebt sie? Was treibt sie um? Sie gibt keine Interviews, die letzten liegen einige Jahre zurück und wurden vor Veröffentlichung des Albums „Farbenspiel“ geführt. Trotzdem fasziniert diese Künstlerin, und vielleicht liegt es ja gerade daran, dass die Persönlichkeit hinter der Bühnen-Existenz verschwindet. Fischer ist auf eine Weise charmant, die so unverbindlich ist, dass es nicht gefährlich wird. Ihre Freundlichkeit ist undurchdringlich, man blickt nicht dahinter.

Jeder Entertainer inszeniert sich in seinen Liedern, und die Erzählerstimme in den Songs von Helene Fischer ist eine Frau irgendwo zwischen Hermann Hesse und Jennifer Aniston. Sie träumt von der Liebe und sehnt sich danach, von einem Kerl in zerrissenen Jeans in eine Badewanne voller Spumante geschubst zu werden. Fischer holt ihre Zuhörer da ab, wo die ihren Paris-Reiseführer aufgeschlagen liegen ließen. Durchbrennen, durchtanzen, Spiel mit dem Feuer, flackernde Augen und heiße Nächte, das sind so ihre Themen. Diese Lieder sind ein Selbsthilfeprogramm für Herzen in Aufruhr. Wobei Fischer den Motivkomplex Ekstase und Eskapismus recht arbeitgeberfreundlich gestaltet. Zwischen den Zeilen versichert sie stets: Morgen geh’ ich wieder ins Büro.

Fast jeder Musiker, mit dem man über Helene Fischer spricht, bekundet zumeist seinen Respekt vor ihrem Talent. Fast alle fragen sich allerdings auch, warum es so wenige Autoren gibt, die diesen Superstar mit hochwertigen Liedern beliefern. Wie viele Titel kennt man von ihr, die nach „Atemlos“ erschienen sind? It’s the singer, not the song.

Ihre beeindruckenden Shows haben internationales Niveau. Helene Fischer live ist wie Beyoncé, allerdings minus gute Beats und Feminismus. Und als wollte sie unterstreichen, dass sie in Deutschland ein Weltstar ist, bestehen ihre Sets mitunter fast zur Hälfte aus Coverversionen. Nur sie darf wohl die Fußball-Hymne „Seven Nation Army“ von den White Stripes mit „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen verheiraten. Nur sie lässt „Männer“ von Grönemeyer arglos in „The Best“ von Tina Turner münden und legt dann noch „Bring Me To Life“ von Evanescence nach. Nur sie kann das allerdings auch.

Es gibt keinen Sarkasmus in den Liedern von Helene Fischer, sie ist nie ironisch, und ihre Ansprachen haben keinen doppelten Boden. Sie malt keine Anführungszeichen in die Luft, sondern drückt das Kinn nach vorne. Wenn sie eine rote Rose hochhält, weiß jeder: Jetzt wird’s romantisch. Deshalb war es so außergewöhnlich, als sie nach dem „Wir sind mehr“-Konzert bei einem Auftritt Stellung bezogen hat. „Wir können und dürfen nicht ausblenden, was zur Zeit in unserem Land passiert.“

Fischer ist 34 Jahre alt, seit 14 Jahren im Geschäft und seit fünf, sechs Jahren der größte Star der deutschen Unterhaltungsindustrie. Die neuste Forbes-Liste schätzt ihr Jahreseinkommen auf 32 Millionen Dollar, damit steht sie vor Britney Spears und Celine Dion.

Fischer wurde im sibirischen Krasnojarsk geboren, ihre Eltern sind Russlanddeutsche, und als die Tochter noch nicht ganz vier Jahre alt war, zogen sie nach Rheinland-Pfalz. Helene Fischer besuchte die Realschule, sie ließ sich zur Musicaldarstellerin an der Stage & Musical School in Frankfurt ausbilden, und als ihre Mutter, eine Ingenieurin, erkannte, wie talentiert Helene ist, ließ sie ein Demoband aufnehmen. Sie wählten den Titel „The Power Of Love“ von Jennifer Rush und schickten ihn an die Schlagersängerin Kristina Bach, die für viele berühmte Künstler Lieder schreibt. Der Brief landete auf dem Schreibtisch von deren damaligem Ehemann, dem Musikproduzenten Uwe Kanthak. Der öffnete den Umschlag und hörte hin. Er dürfte gelächelt haben während des vierminütigen Songs, vielleicht hat er bereits von der Zukunft geträumt. Heute ist Kanthak Helene Fischers Manager.

Es ist faszinierend, wenn in Zeiten, da es gerade in der Musik den Mainstream gar nicht mehr gibt, eine Persönlichkeit von so vielen Menschen gemocht wird. Die populäre Musik ist in tausend Subgenres zersplittert, deren Anhänger sich in den digitalen Archiven, die jedem übers Internet offen stehen, reichlich bedienen können. Nur Helene Fischer mag anscheinend jeder. Wie hat sie das gemacht?

Zunächst hat sie den deutschen Schlager modernisiert. Musikalisch sind Stücke wie „Atemlos“ mit ihren Beats und den Synthesizer-Melodien eindeutig dem Pop zuzuordnen, ein bisschen altmodisch vielleicht, auf dem Stand der 90er Jahre. Aber wer Kylie Minogue und Robbie Williams mag, kann auch Helene Fischer gut finden. Allein die Texte sind noch vom Gestus des Schlagers geprägt. Wobei man sich mitunter fragt, wie einem selbstbewussten Künstler auf diesem Erfolgsniveau solche Zeilen aus der Bleikammer des Gagaismus untergeschoben werden werden können: „Heut’ fliegt die Erde aus der Bahn / Da will kein Mensch nach Hause fahr’n“.

Fischer schreibt ihre Lieder nicht selbst, „Atemlos“ etwa stammt aus der Feder von Kristina Bach. Ihre Autoren sind Profis, die wissen, dass es im Schlager darum geht, die Geschichte zu finden, die der Sänger mit dem Hörer teilt. Also lässt Helene Fischer am liebsten jene Momente beleuchten, die jeder kennt, in denen man aber verlegen ist um eine Erklärung dessen, was gerade mit einem passiert. Sie sucht nach Entsprechungen für den Zustand im Bauch ihrer Hörer, nach Bildern, in die sich andere hineinstellen können. Bilder, die jeder versteht, poetische Infrastrukturmaßnahmen. So tanzt sie „auf dem Vulkan“ oder „auf Scherben“, sie fährt „Achterbahn“ vor Glück, die Nacht ist ein „Feuerwerk“, und wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, wünscht sie sich „Flügel“. Fischer weiß, dass im Liebesalltag nicht das Erobern am wichtigsten ist, sondern das Verteidigen. Also zwinkert sie uns komplizenhaft zu.

Unterhaltung ist eine Form des Verkehrs von Menschen untereinander. Es geht weniger um Information über die Welt hinaus, sondern vielmehr um die Haltung des Sprechenden zur Welt. Die Darstellung der Welt, ihre Beschreibung, ist also nicht bloß Mittel, sondern Zweck. Sich selbst im Anderen erkennen, ist Zuspruch genug. Und Fischers Lehre ist so unverbindlich und erbaulich wie ein aufmunterndes Kaffeepausengespräch mit der Lieblingskollegin im Büro.

Fischer flicht Ausdrücke und Wendungen aus der Umgangssprache in ihre Texte. Wenn sie verliebt ist, dann „total“, Discos heißen „Clubs“, und in „Fehlerfrei“ singt sie: „Verplant und verpeilt, daneben gestylt / So komm ich mir manchmal vor.“ Ihre Lieder halten den Draht zum Alltag der Hörer kurz, und das ist angenehm in einer Welt, die sich besonders widerspenstig gegenüber Abbildungsversuchen verhält. In den Songs von Helene Fischer herrscht ewiges Wochenende, es ist entweder Samstagabend oder Sonntagmorgen. Wobei es samstagabends um einiges sinnenfroher zugeht. Gelegentlich nutzt sie die Reibungswärme des Tabus. Da ist viel und offensiv von Lust die Rede, am prominentesten gegen Ende von „Atemlos“, wenn der Song noch einmal Fahrt aufnimmt und Fischer ganz unverschwitzt diesen mehr leidenschaftlich gemeinten als logisch formulierten Satz ruft: „Lust pulsiert auf meiner Haut!“

So mitreißend und alltagstauglich die Kompositionen indes sein mögen: Zu 70 Prozent hängt der Erfolg an der Interpretin, an der Person Helene Fischer selbst. Man muss sie live erleben, auf der Bühne sehen: Sie verströmt eine derartige Lebensbejahung, dass es zunächst schwierig ist, so viel Freundlichkeit zu widerstehen. Und sie ist eine tolle Sängerin. Sie wirkt wie einer dieser Kontaktanzeigen für die besseren Kreise entstiegen, die so schamlos sinfonisch formuliert sind: „Junge Firstlady mit hochkarätigen Neigungen sucht jemanden fürs grenzenlose Glück. Sie ist temperamentvoller Wildfang ebenso wie strahlende Top-Repräsentantin auf dem internationalen Parkett.“

Nun darf man aber nicht vergessen, dass die Helene Fischer, die wir kennen, mindestens ebenso sehr eine Kunstfigur ist wie etwa Udo Lindenberg. Diese Kunstfigur ist so frisch und makellos und unberührt, dass man drei Etappen der Fasziniertheit durchlebt. In der ersten ist man verblüfft von so viel Perfektion und angezogen von der Sympathie, die sie in ihrer Anhängerschaft stiftet. In der zweiten sucht man nach dem Haken, dem doppelten Boden, nach Geheimnis und Abgrund.

Und in der dritten ärgert man sich, dass selbst nach zweieinhalb Stunden nirgendwo etwas Subversives zu entdecken ist. Dass Fischer sich aufs Ausführen beschränkt und nicht stärker Künstlerin ist. Dass Salz und Pfeffer fehlen und es Helene Fischer nicht mal mit einem Chanson versucht, mit Feinsinn zu Pianobegleitung, sondern immer tiefer im Morast von Gleichnishaftigkeit und Reimzwang versinkt: „Du bist der Captain meiner Seele / Hast mein Schiff voll im Griff“. Man möchte sie dann zu ihrem eigenen Besten von der Bühne weg entführen und zwei Tage lang in der Wohnung von Charlotte Roche verstecken.

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