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Grundübel Überproduktion

Meinung. Auf den Bauernhöfen herrscht Endzeitstimmung. Die Preise sind abgestürzt. Die Landwirte fürchten um ihre Existenz. Jetzt ruft der Bauernverband um Hilfe. Brüssel und Berlin sollen es richten und mit einem Konjunkturprogramm die Betriebe stützen Von Volker Meyer zu Tittingdorf

Auf den Bauernhöfen herrscht Endzeitstimmung. Die Preise sind abgestürzt. Die Landwirte fürchten um ihre Existenz. Jetzt ruft der Bauernverband um Hilfe. Brüssel und Berlin sollen es richten und mit einem Konjunkturprogramm die Betriebe stützen. Doch so sehr die Nöte der Bauern nachvollziehbar sind, die Politik kann die Höfe nicht retten, weder mit dem Ankauf von Milch und Butter noch mit der Senkung der Agrardieselsteuer. All diese Eingriffe dienen der Beruhigung der Gemüter, lösen aber nicht das Grundproblem der Überproduktion. Seit vielen Jahren übersteigt das Angebot die Nachfrage, weshalb die Betriebe in einem sich zuspitzenden Konkurrenzkampf stecken. Die Lage wird dadurch verschärft, dass in Folge der Krise die Auslandsmärkte wegbrechen. Nehmen wir das Beispiel Milch: Die Zahl der Milchkühe ist zwar seit zehn Jahren um mehr als elf Prozent gesunken, aber eine Kuh gibt heute durchschnittlich im Jahr gut 15 Prozent mehr Milch als 1999. Zugleich haben aber die Verbraucher in Deutschland in jüngster Zeit deutlich weniger Milch und Butter konsumiert. Zudem stellte die Lebensmittelindustrie ihre Produktion vielfach auf günstigere Pflanzenfette um. Ein Verfall der Erzeugerpreise ist zwangsläufig die Folge. Die Discounter nutzen diese Lage schamlos aus und setzen Ramschpreise durch. Die allgemeine Wirtschaftskrise verschärft die Probleme der Bauern, hat sie aber nicht verursacht. Am Ende bleibt nur die harte Wahrheit: Erst wenn die Zahl der Milchkühe spürbar sinkt, wird sich der Markt entspannen. Ähnliches gilt für mehrere andere Zweige der Landwirtschaft. Für nicht wenige Bauernhöfe wird also das Aus kommen. Die Zahl der Betriebsaufgaben wird im Vergleich zu den Vorjahren steigen.Verhindern lässt sich dies nicht, höchstens abmildern. Eine politische Stützung des Preises wirkt nur kurzfristig, weil sie die Bauern zu zusätzlicher Produktion verleitet. Sinnvoller wäre es, über eine neue Steuerung der Agrarhilfen nachzudenken. Die Politik sollte einen Kontrapunkt zur zunehmend industriellen Landwirtschaft setzen: etwa indem der Staat Bauern dafür bezahlt, dass sie die traditionelle Kulturlandschaft erhalten oder ökologisch wirtschaften. Darüber hinaus sind die Bauernverbände gefragt. Bleiben wir beim Beispiel Milch: Die Finnen verbrauchen pro Kopf im Jahr 183 Kilo Milch, die Deutschen nur 64. Bei der Nachfrage gibt es also Luft nach oben. Ein pfiffiges Marketing ist vonnöten. Auch um bei den Verbrauchern das Bewusstsein für Qualität zu schärfen. Denn echter Käse aus Milch schmeckt besser als ein Imitat.