Großes Chaos, kleine Brötchen

Großes Chaos, kleine Brötchen

In den 90ern war er der König des Musikfernsehens: Fast jeder Jugendlicher kannte MTV-Moderator Ray Cokes. Nach Karriere-Absturz, Depression und gemäßigtem Comeback legt der Brite seine Autobiografie vor.

…trägt Sängerin Kylie Minogue bei einer MTV-Preisverleihung auf Händen…
…und bekommt beim Dösen ein Küsschen von Madonna. Fotos: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Kennt ihn noch jemand unter 30? Eine Umfrage im Büro fällt ernüchternd aus - hält man Ray Cokes' Autobiografie jüngeren Kollegen unter die Nase, zucken die mit den Achseln. In den 90ern wäre das nicht passiert. Da war der Brite, wenn nicht der König der Welt, dann doch der von MTV - und damit der Jugendkultur. Cokes moderierte seine Kessel-Buntes-Sendung "Most Wanted" mit einem Nicht-Konzept des gerade so kontrollierten Chaos '. Heutige als frech geltende Moderatoren wie etwa Jan Böhmermann wirken gegen Cokes in seinem Zenit wie streberische Azubis der Lockerheit. Nur: Was macht Cokes heute? Und wieso backt er medial so kleine Brötchen , dass nur noch Zeugen von einst ihn kennen?

Davon erzählt Cokes in "My Most Wanted Life", einem munteren, lebens- und anekdotenprallen Werk mit klassischer Struktur: Aufstieg, Fall, Läuterung - und die zweite Chance. Cokes wächst in England auf, in Südafrika und auf Mauritius (sein Vater war Soldat und wurde oft versetzt); er verdingt sich in Belgien als Koch, entdeckt die Energie des Punks, landet beim Radio und dann beim jungen Musikfernsehsender MTV - damals noch keine Abspielstation hirnfreier Billigshows. Cokes wird inmitten großer Aufbruch- und Expansionsstimmung zum großen Star - bis er 1996 bei einer missglückten Live-Sendung auf der Reeperbahn das pöbelnde Publikum beschimpft und seine Chefs bei MTV gleich mit. Es kommt zum Bruch, Cokes fällt in ein tiefes Loch, tröstet sich lange mit PC-Spielen und Pornofilm-Konsum, gerät in eine Depression - und rappelt sich langsam wieder hoch. Heute ist er in seiner belgischen Wahlheimat wieder regelmäßig zu sehen. Strahlt sein Ruhm auch nicht mehr so hell wie einst - Cokes hat die Höhen und Tiefen überlebt.

Davon erzählt er detailliert, manchmal etwas blumig-wortreich: Nach dem Vorwort gibt es auch gleich zwei Prologe. Aber die wilde Zeit bei MTV schildert er höchst lebendig, wobei man erfährt, wer pflegeleicht und sympathisch war (Phil Collins ), unerträglich (die US-Bands Poison und Counting Crows), durchweg professionell (Madonna) und durchweg unhöflich (Bob Geldof ). Nach einer kurzen Freundschaft, so sieht es zumindest Cokes, meldet sich Robbie Williams nicht mehr, aber The Cure spielen gagenfrei bei seiner Hochzeit, was die Ehe jedoch langfristig nicht gerettet hat. Cokes schont sich in seinen Beschreibungen nicht, etwa, wenn es um sein Versagen als junger Vater geht.

Ein wenig zu oft bemüht er das Klischee vom Moderator, der "immer sein Ding macht" und "sich treu bleibt". Dass er jetzt in der Jury einer Talent-Show sitzt, die er früher ablehnte, mag dazu nicht ganz passen. Aber Cokes kann es nach frustrierenden Jahren nun "genießen, kleinere Brötchen zu backen". Das gönnt man ihm von Herzen - vielen Menschen hat er die 90er Jahre nicht unerheblich verschönt.

Ray Cokes: My Most Wanted Life. Die Autobiografie. (Auch in Englisch erschienen). Schwarzkopf und Schwarzkopf, 400 Seiten, 19,95 Euro.