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Große Geschichte(n) in Homburg

Ein Porträt des Publizisten Johann Georg August Wirth, gemalt vom Homburger Künstler Hermann Juncker. Es hängt im Amtszimmer von Oberbürgermeister Karlheinz Schöner. Foto: SZ
Ein Porträt des Publizisten Johann Georg August Wirth, gemalt vom Homburger Künstler Hermann Juncker. Es hängt im Amtszimmer von Oberbürgermeister Karlheinz Schöner. Foto: SZ
Homburg. Als der Publizist Johann Georg August Wirth die "Deutsche Tribüne" im Jahr 1831 von München aus in die Provinz nach Homburg verlegte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass diese Zeitung 180 Jahre später zu neuen Ehren gelangen würde Von SZ-Redakteur Bernard Bernarding

Homburg. Als der Publizist Johann Georg August Wirth die "Deutsche Tribüne" im Jahr 1831 von München aus in die Provinz nach Homburg verlegte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass diese Zeitung 180 Jahre später zu neuen Ehren gelangen würde. Der gelernte Doktor der Jurisprudenz hätte sich auch nicht vorzustellen vermocht, dass man eine Zeitung mal "digital im Netz" publizieren und damit Leser an jedem Ort der Welt (!) erreichen könnte. Heute kennt man die abenteuerlichen Umstände, unter denen damals eine kritische Zeitung entstand, nur noch aus dem Archiv. Auch deshalb kommt die "Deutsche Tribüne" nun wieder zu Ehren - unzensiert und online.


Die Idee, das berühmte Oppositionsblatt aus dem 19. Jahrhundert in moderner Form wieder "auf den Markt" zu bringen, geht auf den Homburger Journalisten Helmut Hofmann zurück. Hofmann, früher SR-Redakteur und Generalsekretär des Europäischen KulturForums Mainau (Insel Mainau im Bodensee), war auch Mitbegründer der renommierten Siebenpfeiffer-Stiftung im Saarpfalz-Kreis. Philipp Jakob Siebenpfeiffer gehörte zu den wichtigsten Mitstreitern von J.G.A. Wirth im Kampf um Pressefreiheit und demokratische Erneuerung im "Deutschen Bund", der von Unfreiheit, staatlicher Willkür und adeligen Privilegien gekennzeichnet war.

Wirth und Siebenpfeiffer waren auch die Organisatoren und Hauptredner des legendären "Hambacher Festes" vom 26. Mai 1832, das als demokratischer Urknall in die Geschichte eingehen sollte. Damals wurde die Idee der deutschen Nation geboren, damals wurde die Pressefreiheit proklamiert, damals entstanden die Nationalfarben schwarz-rot-gold, die in Fahnen, Schärpen und Kokarden zum Sinnbild des demokratischen Aufbruchs wurden, der dann im Revolutionsjahr 1848 in der Frankfurter Paulskirche konkrete Formen annehmen konnte. An dieser historischen Umwälzung waren der ehemalige Homburger Landrat Siebenpfeiffer mit seiner Zeitung "Der Bote aus Westen" und der aus Bayern stammende Homburger Journalist Wirth mit seiner "Deutschen Tribüne" maßgeblich beteiligt. Die Tribüne galt damals als das wichtigste Blatt der Opposition im Deutschen Bund, gefürchtet und zensiert von den königlichen Regierungen in Preußen und Bayern, angefeindet und verfolgt vom österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich, der den unbotmäßigen Freiheitskämpfer Wirth von seinen Spitzeln und Spionen jahrelang verfolgen ließ.



Helmut Hofmann konnte für sein Projekt der "Tribüne-online" einen prominenten Mitstreiter gewinnen: Christof Müller-Wirth aus Karlsruhe, Ururenkel des einstigen Freiheits-Helden. Zum Tribünen-Team gehören ferner Karina Kloos und Jörg Herrlinger sowie Juan José Bernardi und Serdar Gezer, die das Projekt von Homburg aus steuern. Das online-Magazin "Deutsche Tribüne" will "im Gedenken des demokratischen Erbes" von Wirth und Siebenpfeiffer wirken und nennt als Leitthema - neben aktuellen Entwicklungen - insbesondere die Bewahrung der Pressefreiheit. Ein weiterer Schwerpunkt der Berichterstattung ist die Stadt Homburg als Wirkungsstätte von Siebenpfeiffer und Wirth. Eine Kommune, die vielleicht als Heimat von "Karlsberg" und ehemals "kleinste Bundesliga-Stadt" bekannt ist. Nicht aber als ein Ort, der in und für Deutschland demokratische Geschichte schrieb.

deutsche-tribuene.de

homburg.de

siebenpfeiffer-stiftung.de