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Groß-Razzia gegen Clans im Ruhrgebiet
„Wir haben eine klare Botschaft gesendet“

 In einem libanesischen Cafe stellte die Polizei Bargeld sicher.
In einem libanesischen Cafe stellte die Polizei Bargeld sicher. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
1300 Polizisten in sechs Städten. Mit der größten Razzia der Landesgeschichte will die Polizei in NRW Stärke gegen arabische Clans demonstrieren. Der Minister räumt ein, dass da auch viel Show dabei war – genau dies sei aber wichtig. Christian Schwerdtfeger

Um 1.31 Uhr ist die Party vorbei. Das Licht im Club Essence geht an, einer Diskothek in der Essener Innenstadt, in der überwiegend arabisch und türkischstämmige Männer und Frauen verkehren. Die Polizei ist da. Und das mit einem Großaufgebot. Und mit NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), den die wenigsten der überwiegend jungen Gäste kennen dürften. Ob er der Bürgermeister von Essen sei, fragt einer der Feiernden im Foyer. Ein anderer will wissen, was die Polizei will. Und was das alles überhaupt soll. Man habe schließlich nur friedlich gefeiert. Der Minister muss in viele staunende und überraschte Gesichter blicken, als er mit Polizeischutz durch die Räumlichkeiten geführt wird. Welten treffen aufeinander.


Der Club in Essen werde von Libanesen geführt, sagt Essens Polizeisprecher Peter Elke, der draußen vor der Tür steht. Man kenne die Klientel. Die Polizei sei schön öfters dort gewesen, sagt er. Aber nie auch nur ansatzweise mit so einem Aufgebot, sagt er. Gehwege, Straßen und Zufahrten zum Club sind abgesperrt. Niemand kommt mehr rein. Und auch niemand mehr raus, wenn es die Polizei nicht will.



Die Kontrolle in dem Essener Nachtclub ist so etwas wie der Höhepunkt und der Abschluss der größten Razzia gegen Clan-Kriminalität in der Geschichte Nordrhein-Westfalens, vermutlich sogar der größten in der Historie Deutschlands, wie Reus sagt. 1300 Polizisten und Hunderte andere Beamte und Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Die Einrichtungen, die durchsucht werden, stehen im Verdacht, für Geldwäsche benutzt zu werden.

Der Startschuss für die Durchsuchungen fällt gegen 21 Uhr. Nahezu zeitgleich stürmen Polizisten und Beamte des Zolls in Shisha-Bars, Wettbüros, arabische Teestuben und Cafés in Essen, Duisburg, Bochum, Dortmund, Recklinghausen und Gelsenkirchen. In Duisburg sammeln sich mehr als 100 Einsatzfahrzeuge von Polizei und Zoll hinter dem Fußballstadion des MSV Duisburgs. Mit Blaulicht geht es in die Einsatzgebiete, aufgeteilt in die Abschnitte Süd und Nord. Rund 30 Objekte, sagt Duisburgs Polizeipräsidentin Elke Bartels, werden durchsucht. Die meisten liegen in den Stadtteilen Hochfeld (Einsatzabschnitt Süd) und Marxloh und Hamborn (Einsatzabschnitt Nord). Eines der ersten Lokale, die an diesem Abend durchsucht werden, ist eine Shisha-Bar in Hochfeld. Zwei schwer bewaffnete Polizisten sichern den Eingang, die Straße wird von der Polizei abgesperrt, schnell wird ein junger Mann von einem Polizisten aus der Bar geführt und in einen Polizeiwagen gebracht. Wenige hundert Meter weiter wird eine sogenannte Wettbude kontrolliert. Es bleibt ruhig, niemand stellt sich den Polizisten in den Weg oder provoziert sie. Man hört von Betroffenen immer wieder dieselbe Frage: Was soll das?

In Marxloh liegt viel Geld auf einem Billardtisch eines libanesischen Cafés. Es stammt wohl von den Gästen und dem Besitzer, einem arabischstämmigen Mann. Die Polizei bewacht die Eingangstür, über der eine Folie mit der libanesischen Nationalflagge geklebt ist. Ein Verwandter des Besitzers steht draußen. Er sagt, dass das Café schon häufiger von der Polizei durchsucht worden sei. Aber auch er wundert sich über die Stärke, mit der die Sicherheitskräfte diesmal auftreten. Völlig überzogen sei das. Die Gäste und der Besitzer seien völlig harmlos. „Man darf da drin noch nicht einmal rauchen. Und Alkohol gibt es auch nicht“, sagt er.

Nicht alle Durchsuchungen finden zeitgleich statt. Viele Maßnahmen erfolgen nacheinander. Eine Prioritätenliste werde abgearbeitet, wie ein Sprecher der Duisburger Polizei erklärt. Eine Taktik, die den vermeintlich kriminellen Clans in die Karten spielt. „Wir sind ja nicht realitätsfern. Unsere Aktion spricht sich natürlich sofort herum in der Szene. Die Telefonkette läuft, die warnen sich untereinander“, sagt der Sprecher. Eigentlich will sich auch der Minister des Inneren das Café in Marxloh näher anschauen. Doch plötzlich kommt per SMS die Nachricht, dass sich sein Plan geändert habe. Duisburgs Polizeipräsidentin, die vor dem Café auf den Minister gewartet hatte, und weitere Polizisten springen in ihre Fahrzeuge und fahren zu einer neuen Adresse, einer unweit entfernten Spielhalle. Reul steht dort neben einem Spielautomaten, das Lokal ist voller Polizisten. Hinter dem Tresen droht ein Mann, der offenbar der Besitzer ist, der Polizei mit seinem Anwalt, der bereits unterwegs sei. Er habe nichts mit Clans und Mafia zu tun. Was sollen die Nachbarn nun von ihm denken, fragt er lautstark die Polizisten. Der Innenminister sagt mit Blick auf den Spielautomaten, neben dem er steht, dass man sich gar nicht vorstellen könne, wie viel Steuern mit so einem Apparat hinterzogen werden könnten. Reul erklärt, dass bei diesem Großeinsatz natürlich auch viel Show seitens der Sicherheitsbehörden dabei sei. „Das ist aber auf jeden Fall richtig, weil wir mit solchen Aktionen kontinuierlich zeigen müssen, dass wir es nicht zulassen, dass Gesetzesverstöße stattfinden“, erklärt Reul.

Es ist bereits kurz nach ein Uhr am frühen Samstagmorgen, als sich mehr als 40 voll besetzte Einsatzfahrzeuge von Polizei und Zoll in Essen in Bewegung setzen. Ihr Ziel: der Club Essence. Mit eingeschaltetem Blaulicht fährt der Tross sieben Kilometer quer durch Essener Stadtgebiet. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Die Gäste werden völlig überrascht. Viele sehr leicht bekleidete junge Frauen, die nicht mehr hinein dürfen, stehen vor der abgeriegelten Diskothek. Auch hier ist die Stimmung nicht aggressiv, noch nicht einmal feindselig. Die Polizei führt einige Personenkontrollen durch, nimmt Personalien auf, ein Türsteher wird abgetastet. Nach einer halben Stunde hat der Minister genug gesehen und kommt wieder raus auf die Straße. Sein Fazit des Abends: „Wir haben eine klare Botschaft gesendet: Bei uns gilt nicht das Gesetz der Familie, sondern das des Staates.“