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Gorbi, Mauerfall und Rock'n'roll

„Mir sin' Träne runnergelaaf“, sagt Rarebell über seinen größten Karriere-Moment in schönstem Dialekt. Foto: MFP Concerts
„Mir sin' Träne runnergelaaf“, sagt Rarebell über seinen größten Karriere-Moment in schönstem Dialekt. Foto: MFP Concerts FOTO: MFP Concerts
Saarbrücken. Er hat vor 300 000 Menschen gespielt, wurde von Michail Gorbatschow empfangen und schrieb an manchem Rockklassiker mit: der Ex-Scorpions-Schlagzeuger Herman Rarebell, ein gebürtiger Lebacher. Wir trafen ihn bei einem Besuch im Saarland auf einen Plausch über alte Zeiten. sedi

Herman Rarebell, genannt Herman ze German, geboren in Lebach als Hermann Erbel, trommelte 19 Jahre lang bei der erfolgreichsten deutschen Rockband, den Scorpions. Weltweit gesehen dürfte kaum ein Saarländer so bekannt sein wie er. Jetzt hat der Schlagzeuger 13 Scorpions-Songs neu aufgenommen, auf einer CD mit dem Titel "Acoustic Fever".

"Ich wollte die Songs gerne akustisch aufnehmen, weil die Flamenco-Gitarre ihnen einen anderen Charakter gibt", erklärt Rarebell bei einem Besuch im Saarland. Der 63-Jährige ist ein unterhaltsamer Gesprächspartner, aus dem die Anekdoten geradezu heraussprudeln. So etwa die Entstehungsgeschichte des neuen Albums: wie er über die Flamenco-Koriphäe Corey Whitehead Kontakt aufnahm zum großen Gitarren-Virtuosen José Antonio Rodríguez. Beide spielen auf "Acoustic Fever" Soli in einem Tempo, das Heavy-Metal-Gitarristen blass aussehen lässt.

Der Reiz des Albums besteht aber auch darin, dass Rarebell für jeden Song einen anderen Sänger verpflichten konnte. Angeführt wird die Riege der Rocksänger vom Ex-Toto-Sänger Bobby Kimball, der das prominenteste Stück mit Rarebell-Beteiligung interpretiert, "Rock you like a hurricane". Die Zeile im Refrain stamme übrigens von Scorpions-Sänger Klaus Meine und sollte ursprünglich "Fuck you like a hurricane" heißen. "Das ging damals aber noch nicht - heute lachen die Kids nur über so was."

Die Scorpions verpflichteten Rarebell nicht aus dem Saarland heraus, sondern in London."Ich bin 1971 nach England gegangen und wollte meinen Rock'n'Roll-Traum leben", erzählt er. Die Zeit mit dem Saarländer an den Trommeln, von 1977 bis 1996, gilt als die erfolgreichste Phase der Band. Der Song "Wind of change", der Höhepunkt der Scorpions-Karriere, wird gerne dem Fall der Berliner Mauer zugeordnet - dabei erschien das Stück erst ein Jahr danach. Auch bei Herman ze German ist das ein wenig durcheinander geraten, bezeichnet er den Titel doch heute noch als "maßgebend für den Mauerfall". Auch verlegt er den Besuch der Scorpions bei Michail Gorbatschow flugs ins Wendejahr 1989 - in Wirklichkeit waren die Hardrocker erst 1991 im Kreml, wenige Tage, bevor der damalige KPdSU-Generalsekretär von der politischen Bühne entfernt wurde. Der sowjetische Machthaber habe gescherzt, ob sie denn wüssten, was Heavy Metal sei und behauptet, Nikita Chruschtschow habe diesen erfunden, als er mit dem Schuh aufs Rednerpult der Vereinten Nationen schlug.

1990 hatte Rarebell den größten Auftritt seiner Karriere bei der "The Wall"-Show von Roger Waters im Niemandsland zwischen West- und Ostberlin: Die Scorpions eröffneten das Konzert mit 300 000 Zuhörern mit dem Pink-Floyd-Stück "In the flesh?". "Mir sin' die Träne runnergelaaf, ich konnt das gar ned fasse", erinnert er sich in schönstem Saarländisch.

1996 wollte er dann etwas Anderes machen: "Nach fast 20 Jahren war die Luft bei der Band raus." Dass seine alten Scorpions-Kollegen seit fünf Jahren auf "Abschieds-Tournee" sind, schmeckt ihm nicht so recht. "Das haben die doch nicht nötig - ist auch keine schöne Sache gegenüber den Fans", grummelt er. Seine Neu-Versionen der alten Songs möchte er nun selbst auf die Bühne bringen.

Herman Rarebell & Friends: Acoustic Fever (MFP).