Glosse Die gleiche Maske

Früher war es für eine Frau angeblich eine Katastrophe, wenn eine andere das gleiche Kleidungsstück trug wie sie. Vor allem bei festlichen Ereignissen fassten das viele sogar als ausgesprochende Peinlichkeit auf.

Heute hat die Emanzipation solche Oberflächlichkeiten ausgelöscht – jedenfalls fast.

Denn coronabedingt ist inzwischen die Verblüffung groß, wenn ein Mitmensch plötzlich die gleiche Maske trägt. Ist diese doch bereits ein Ausdruck modischer Individualität geworden. Schließlich ist das Gesicht morgens im Spiegel immer das gleiche, die Zahl der Gesichtsausdrücke begrenzt. Mit dem Mund-Nasen-Schutz jedoch ergeben sich jetzt völlig neue Möglichkeiten, Originalität vorzutäuschen – Frauen brauchen dafür nicht einmal Make-up und Männer keinen Bart.

Wie ärgerlich ist es daher für den Individualisten, wenn plötzlich ein eineiiger Masken-Zwilling auftaucht. Obwohl eigentlich klar war: Irgendwann musste es passieren. Aber schließlich hat, um das vorherzusehen, kaum jemand das zweite Gesicht. Welch Glück! Denn für dieses ist die Maskenpflicht noch gar nicht geklärt.

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