| 19:53 Uhr

Gipfeltreffen zweier Alphatiere

Moskau. Für sein Versöhnungstreffen mit Recep Tayyip Erdogan hätte Wladimir Putin keinen besseren Ort wählen können als St. Petersburg. Keine Stadt führt Besuchern den Machtanspruch Russlands so deutlich vor Augen wie die Zarenmetropole. In Putins Heimat wollen die beiden Präsidenten heute ihre monatelange Eiszeit überwinden. Das Treffen der starken Männer wird international beachtet, denn es sind weitreichende Folgen möglich: für Europas Flüchtlingspolitik, auch für den Syrien-Krieg. Wolfgang Jung,Can Merey (dpa),Susanne Güsten (SZ)

Für Erdogan ist es die erste Auslandsreise seit dem Putschversuch vom 15. Juli, der ihn entmachten sollte. Dass der Trip nach Russland führt, mag ein Hinweis auf die Neuorientierung der Türkei sein, die sich immer stärker von den USA und der EU abwendet. "Der Westen hat sich auf die Seite der Putschisten gestellt", kritisierte Erdogan vor wenigen Tagen scharf. Ihn ärgert, dass westliche Politiker wie Angela Merkel den Putschversuch zwar verurteilen, im selben Atemzug aber die Einhaltung demokratischer Werte in der Türkei anmahnen. Putin dürfte weniger Wert auf solche Feinheiten legen. Noch am Putschwochenende rief er bei Erdogan an, um den Umsturzversuch "kategorisch" zu verurteilen. In der Mitteilung des Kreml dazu sind keine moralinsauren Ermahnungen zu lesen.



Dass Putin und Erdogan überhaupt wieder miteinander sprechen, erschien bis Ende Juni unwahrscheinlich. Dann aber gelang es Erdogan mit einem geschickten Schachzug, die seit Ende November schwelende Krise um den Abschuss eines russischen Kampfjets beizulegen. Er entschuldigte sich in einem Brief zwar wie von Putin gefordert - aber nicht bei der Führung in Moskau , sondern bei den Angehörigen des getöteten Piloten.

Moskau sieht sich daher als Sieger im Machtkampf mit Ankara und erhofft sich von der Wiederannäherung eine Schwächung der EU und der Nato . "Putin will die Türkei in seine Pläne einer eurasischen Allianz einbinden", sagt der Politologe Fjodor Lukjanow. "Die Frage ist, ob Erdogan bereit ist, diesen Weg einzuschlagen", meint der Herausgeber der Zeitschrift "Russia in Global Affairs". Mit der geplanten Gasleitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer und dem Bau eines Atomkraftwerks hat Russland auch wirtschaftliche Interessen.

Angesichts der vom Putschversuch noch einmal angeschlagenen Wirtschaft und der eskalierenden Spannungen mit der EU braucht Ankara Verbündete. Die Sanktionen, die Putin nach dem Abschuss des Jets verhängte, trafen die Türkei hart. Russland war bis dahin nach Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei. Bezeichnend ist der massive Rückgang der Touristenzahlen, nachdem Putin als Strafmaßnahme Charterflüge in das Urlaubsland stoppen ließ. Mittlerweile hat der Kreml den Bann aufgehoben. Alles soll wieder werden wie früher - und besser.

Bei so viel neuer Harmonie treten die weiterhin bestehenden gravierenden Differenzen zu Syrien in den Hintergrund. Russland hält an Assad fest, um in Nahost mitzumischen. Dagegen will Ankara den syrischen Machthaber lieber heute als morgen aus dem Amt jagen und aus Syrien einen von sunnitischen Glaubensbrüdern dominierten Staat machen - ohne russischen Einfluss.

Mit seiner Reise nach St. Petersburg sendet Erdogan das Signal, dass sich die Türkei jenseits von EU und Nato umsieht - und keinen gesteigerten Wert mehr auf die gemeinsame Linie der Allianz legt. Weniger denn je betrachtet sich die Türkei als Teil des Westens: Der Umgang mit Erdogan wird für Europäer und Amerikaner noch schwieriger.