Gesucht: Ein neues Text-Kleid fürs Museum

Gesucht: Ein neues Text-Kleid fürs Museum

Die Kehrtwende zu einem guten Ende schien geschafft beim „Skandalbau“ Vierter Pavillon. Doch ein neuer öffentlicher Streit um die Fassadengestaltung bahnt sich an. Der Minister steht unter Zugzwang.

Alle Zeichen standen seit April auf Rückenwind. Damals hatten die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi außerordentlich gelungene Umplanungs-Pläne für den Erweiterungsbau der Modernen Galerie vorgestellt: ein Museum im Park, ein einladendes Stadtquartier. Und jetzt das. Seit Freitag pfeift dem Kurator der Stiftung Kulturbesitz Ulrich Commerçon (SPD ) ein steifer Wind entgegen. Seit er die Fassaden-Idee des Frankfurter Künstlers Michael Riedel öffentlich machte: Die Landtagsdebatte vom 9. April dieses Jahres soll in die Außenhaut des Vierten Pavillons und auf Bodenplatten gedruckt werden. Oder dann doch nicht? Der Künstler selbst hat seine Idee wieder zur Disposition gestellt. Er sei offen für andere Vorschläge, ließ er die Öffentlichkeit zu Wochenbeginn wissen.

"Ich empfinde es als einen Befreiungsakt, dass wir endlich wieder über Kunst diskutieren", so kommentiert das der Minister. "Ich streite lieber über Kunst als über Kosten", sagt er der SZ. Bürger und Parlamentarier hatten vor der "Banalisierung" des Museumsbaus gewarnt. Diese Gefahr sieht Commerçon nicht. Selbst dann nicht, wenn Riedel jetzt als Alternative die Verschriftung einer Bürgerveranstaltung zum Pavillon in Erwägung zieht. Alles beliebig?

Commerçon pocht auf die Freiheit der Künstler und auf seine, die Aufgabe des Kultusministers, diese zu schützen. Wenn von Riedel gewünscht, werde man eine Bürgerversammlung organisieren, doch die Text-Wahl treffe allein der Künstler, man werde Riedel nichts "vorschreiben". Selbst dann nicht, wenn es sich bei Riedels Beitrag zum Museumsbau, dem er ein weithin sichtbares graphisches Kleid gibt, streng genommen um Kunst im öffentlichen Raum handelt? Die unterliegt üblicherweise Gestaltungs-Leitlinien. "Wir machen keinerlei Vorgaben", bekräftigte gestern auch Kulturstaatssekretärin Andrea Becker gegenüber der SZ. Man warte jetzt auf neue Vorschläge Riedels. Das Kulturministerium sieht sich nicht in einer Steuerungsrolle: "Man kann dem Künstler Anregungen geben. Wenn er auf neue Vorschläge setzt, dann begleiten wir diesen Prozess." Der Künstler Michael Riedel sei der Auftragnehmer von Kuehn Malvezzi, die Architekten stünden wohl bereits mit ihm im Dialog über eine neue Textlösung.

Festgelegt hatte Riedel bisher nur, dass der Text keine allgemeinen philosophischen oder literarischen Inhalte transportieren dürfe, sondern in Beziehung stehen müsse mit dem Pavillon. Das Wort Museum sollte möglichst häufig auftauchen; es wird in 48-Zentimeter-Großbuchstaben gedruckt.

Fazit: Eine neuralgische Frage im Bauprojekt ist wieder offen - wenige Tage, nachdem das Kuratorium den Haken an Kosten- und Entwurfspläne gemacht hat, auch die Landtagsdebatten-Lösung mit abgesegnete. Dies nach einem mehrstündigen Marathon, aber ohne intensive Auseinandersetzung mit der Fassade, und ohne dass Riedel eine aussagekräftige Visualisierung vorgelegt hätte. Das hört man aus Kuratoriumskreisen.

Dazu der Minister: Es wäre besser gewesen, die Text-Frage noch offen zu lassen, auch gegenüber den Medien. Er habe Kommunikationsfehler gemacht. Im Nachhinein habe es sich als nicht sinnvoll erwiesen, Architekten und Künstler in die Pressekonferenz mitzunehmen. Dies habe zum falschen Eindruck beigetragen, die Wahl des Landtags-Textes sei unumstößlich.

Wie weiter? Staatssekretärin Becker rechnet nicht mit Bau-Verzögerungen, wenn an diesem einen Punkt neu nachgedacht wird. Klarheit über den Fassaden-Text müsse erst herrschen, wenn die Ausschreibungen raus gingen, und letztlich, wenn die Platten beauftragt würden. Das werde voraussichtlich Ende des Jahres sein. Davor, im November, liegt noch eine Kuratoriumssitzung. Die Aufmerksamkeit für das Thema Fassade dürfte sich geschärft haben.

Meinung:

Grobe Unterschätzung

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Noch am Sonntag meinte der Kulturminister, der Neubau sei endlich kein "Albtraummuseum" mehr. Wenn er sich da nicht täuscht, zumindest was ihn selbst angeht. Ulrich Commerçon , ein Mann des klaren, harten Wortes, wenn es um die Fehlleistungen anderer geht, musste jetzt Kommunikationsfehler einräumen - und dies ausgerechnet beim "Prestigeprojekt" seiner Amtszeit: der Rettung des "Murks-Baus". Gestalterisch wie finanziell wollte der SPD-Mann alles besser machen als seine vier CDU-Vorgänger. Doch kurz vor der Ziellinie winkte er einen noch unausgegorenen Fassaden-Vorschlag durch, hatte zuvor offensichtlich eine Abstimmung mit dem ideendurchlässigen Künstler versäumt. Welch eine grobe Unterschätzung ausgerechnet der Fassadengestaltung , auf deren "Attraktivität" sogar der Koalitionsvertrag pocht. Nun rudert Commerçon zurück, doch er vermittelt nicht den Eindruck, er besitze einen Kompass. Die Freiheit der Kunst zu verteidigen, mag heroisch klingen, es genügt nicht. Es geht jetzt um Prozess-Steuerung, darum, einen wirklich zwingenden Text zu finden, für den die Überzeugungs-"Schlacht" lohnt.