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Generation Opfer

Saarbrücken. Wie zwei Mannschaften, die zum Wettkampf gegeneinander antreten, laufen sie auf die Bühne ein und nehmen einander gegenüber auf Stuhlreihen Platz. Links die 18 Jugendlichen vom Jugendclub U 21, rechts die zwölf "RauReifen", im Alter ab 65 aufwärts Von SZ-Mitarbeiterin Silvia Buss

Saarbrücken. Wie zwei Mannschaften, die zum Wettkampf gegeneinander antreten, laufen sie auf die Bühne ein und nehmen einander gegenüber auf Stuhlreihen Platz. Links die 18 Jugendlichen vom Jugendclub U 21, rechts die zwölf "RauReifen", im Alter ab 65 aufwärts. Und doch werden sie uns an diesem Premierenabend in der Alten Feuerwache genau das Gegenteil vorführen: Wie (gut) sich Jung und Alt miteinander verständigen können. Mit Hilfe eines Theaterstücks, das die Jugendlichen als Opfer der feindlichen Erwachsenenwelt zeigt.


Improvisationen über "Frühlings Erwachen" könnte man auch nennen, was das Saarländische Staatstheater in Ausweitung seiner Jugendarbeit als generationenübergreifendes Projekt-Experiment mit Laien wagte. Denn die 30-köpfige Gruppe unter der Regie von Jörg Wesemüller hat den alten Frank Wedekind von 1890 nicht nur stark entrümpelt und sich auf Hauptkonflikte konzentriert; auch formal hat sie sich Freiheiten genommen. Klapperstorch statt Aufklärung, ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung mit der Stricknadel, prügelnde Väter, Schulversagen, das einen in den Selbstmord treibt - die Erfahrung der wedekindschen Figuren, sie werden hier auf viele Schultern verteilt. Die Senioren, die repressive Sexualmoral noch in historisch nahezu originaler Form erfahren haben, verdoppeln die jungen Paare, stehen ihnen bei oder geben vom Rande ihren Rat. In Grenzsituationen, wenn etwa das Mädchen Wendla seinen Freund Melchior bittet, sie mit der Gerte zu schlagen, steigt das gesamte Ensemble zur dramatischen Unsterstützung mit ein.

Auch in Kostüm (Angela C. Schuett) und Sprache lässt Wesemüller die Zeiten miteinander sich mischen. Die Jugend trägt hier züchtig lange Kleider und moderne Sonnenbrille, spricht mal in Wedekinds gestelzter Poesie oder fragt den Kumpel direkt: "Hattest du schon mal eine Erektion?" Die Mädchen, mit Mut zur Selbstironie, tratschen so munter affektiert und zickig wie in einer TV-Vorabendserie.



Sicher, auch in diesem Generationenprojekt läuft Wedekinds Stück auf die Katastrophe zu: Moritz erschießt sich aus Angst vor den Eltern wegen mangelnder Schulleistung, Wendla stirbt an der Abtreibung, Melchior wird an Schuldgefühlen seines Lebens nicht mehr froh. Doch gibt Wesemüller seinen Darstellern auch viel Gelegenheit, ihre Spielfreude in komischen Situation lustvoll auszuleben. Dafür gab es insgesamt viel Applaus. Ein Ansporn für das Staatstheater, sich erneut an ein solches Projekt zu wagen, für das die Saarbrücker Sparkasse als Sponsor diesmal die Voraussetzung bot.

Einziger weiterer Termin:

Donnerstag, 28. Mai, 19.30 Uhr. Info: Tel. (06 81) 309 24 86.