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Gegen das Vergessen der Geschichte

Saarbrücken. Die Saarbrücker Hefte wenden sich in ihrer aktuellen Ausgabe gegen eine Relativierung der Rolle Franz-Josef Röders in der NS-Zeit. Ein Sammelband beschäftigt sich mit „Widerstand, Verfolgung und Repression“. Silvia Buss

Am 13. Januar jährte sich die Abstimmung, die zum Anschluss der Saar an Hitler-Deutschland führte, zum 80. Mal. Nur wenig später scheint das gewichtige Thema schon abgehakt. Gegen dieses Vergessen der Geschichte, dem sie gerade im Saarland eine unrühmliche Tradition bescheinigen, stemmen sich nun zwei Publikationen .

Mit Tätern, die nach dem Krieg Karriere machten und Opfern, von denen keiner mehr was wissen wollte, befassen sich die Saarbrücker Hefte 110/111. Allen voran grub sich Erich Später in "Die NS-Vergangenheit Franz-Josef Röders", um all jene zu widerlegen, die sich wie Oskar Lafontaine überzeugt geben, "dass seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht auf innerer Überzeugung beruhen konnte". Wer wie Ex-Ministerpräsident Röder schon 1933 der Nazi-Partei, dem NS-Lehrerbund, dem NS-Kraftfahrtkorps und den "Schlägertrupps" der Deutschen Front beitrat, der habe nicht nur still Unterschriften geleistet, sondern sich aktiv an der NS-Herrschaft beteiligt, so Späters These.

In den Fokus nimmt der Autor vor allem Röders Zeit als Lehrer ab 1937 an der deutschen Auslandsschule in den Den Haag. Dorthin schickte die NSDAP nur Bewerber mit "politischer und weltanschaulicher Eignung". Später zeichnet die Verbrechen der NS-Besatzungsmacht nach, über die Röder nie ein Wort verloren habe. Als Röder als Gutachter jungen Holländern Empfehlungen für ein Studium im "Deutschen Reich" ausstellte, war er Hauptkriegsverbrechern und Judenverfolgern unterstellt und beherzigte, wie ein Brief zeigt, sprachlich ihre ideologischen Vorgaben.

Röder sei als Besatzungsfunktionär und langjähriger NS-Aktivist politisch mitverantwortlich für die Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik in den Niederlanden gewesen, so das Fazit. Nur, wie weit er genau in die Verantwortung verstrickt war, bleibt offen. Konkrete Taten kann Später ihm bei aller akribischen Recherche nicht nachweisen.

Eberhard Wagner dagegen versucht im selben Heft keine Beweisführung, er stellt vielmehr Röders Karriere in der NS-Zeit und danach der Biografie des sozialdemokratischen Status-Quo-Kämpfers Alois Kunz aus Marpingen gegenüber. Wie und von wem Kunz dafür drangsaliert und denunziert wurde, wie er im KZ endete und warum seine Witwe noch um Entschädigung kämpfen musste, stellt Wagner auf präzise und auch anrührende Weise dar.

Antworten geben auf eine ganze Reihe von zentralen Fragen der Saargeschichte will der Band "Widerstand, Repression und Verfolgung", herausgegeben von Hans-Christian Herrmann und Ruth Bauer vom Saarbrücker Stadtarchiv. Er versammelt in überarbeiteter Form elf Beiträge der gleichnamige Saarbrücker Vortragsreihe von 2014 und löst seinen Anspruch ein: Die nach wie vor erschütternde Tatsache, dass sich die Saarländer 1935 mit solch großer Mehrheit für den Anschluss an Hitler-Deutschland entschieden, erklären die Autoren etwa damit, dass es damals gelungen sei, die Abstimmung zu entpolitisieren. Die Wahl sei so verkauft worden, als ginge es nur um ein Votum für oder gegen Deutschland, nicht aber um damit verbundene NS-Regime. Wie und warum nicht nur NS-nahe Industrielle wie Hermann Röchling, sondern auch die katholische (in Gestalt von Bischof Bornewasser) und die evangelische Amtskirche diese Darstellung mitgesteuert und durchgesetzt haben, legt man hier fundiert dar. Die Rolle der Presse, die Schwäche der Einheitsfront-Parteien, die Arisierung jüdischer Unternehmen nach dem Anschluss, das Lager Neue Bremm, die zähe "Wiedergutmachung" nach ´45, die Lücken des öffentlichen Geschichtsbewusstseins - all das wird hier auf fast 500 Seiten aufschlussreich und verständlich thematisiert.

Widerstand, Verfolgung und Repression. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus an der Saar ; hrsg. von Hans-Christian Herrmann und Ruth Bauer. Röhrig Universitätsverlag, 474 S., 38 Euro.



Saarbrücker Hefte, Nr. 110/111, Pfau Verlag, 7,80 Euro. Zu bestellen im Internet unter: www.saarbruecker-hefte.de