Gegen das Trauma der Vergangenheit

Saarbrücken · Im vergangenen Jahr haben Jugendliche aus Saarbrücken, Lothringen, Rumänien und Sarajewo gemeinsam eine Tanz-Choreografie zum Thema Krieg und Versöhnung entwickelt. Als Prolog zum Festival Perspectives war das beeindruckende Stück am Mittwoch in Saarbrücken zu erleben.

 Trauer um die Toten von Srebrenica. Foto: Thiele/Makarova

Trauer um die Toten von Srebrenica. Foto: Thiele/Makarova

Foto: Thiele/Makarova

Schultern nach hinten gedrückt, Kinn gestreckt, Beine elegant gekreuzt. Beats pumpen, Mädchen-Gesichter strahlen. Dann recken die leicht bekleideten Frauen einen Banner in die Höhe: "Don't let them kill us". Es ist ein historisch verbrieftes Ereignis, das die Jugendlichen am Mittwoch in der Osthalle am Römerkastell aufgreifen: ein Hilferuf an die Welt, aus einer belagerten Stadt. Die Wahl zur Miss Sarajewo war 1993 ein Versuch, zur Normalität zurückzufinden. Doch die gab es nicht. Und so sind die Mädchen, so schnell wie sie kamen, plötzlich auch wieder von der Bühne verschwunden, das Licht erlischt, Maschinengewehre dröhnen, Männerkörper zucken. Wir sind in Srebrenica, jenem Ort, an dem 1995 serbische Soldaten über 8000 bosnische Muslime massakrierten.

Krieg als Tanz - kein leichter Stoff zum Auftakt des diesjährigen Perspectives-Festivals. Das Stück "#P.O.S.T.14", das im vergangenen Jahr in Sarajewo uraufgeführt wurde, ist sozusagen das ästhetische Produkt eines Tanz- und Bildungsprojektes des Saarbrücker Pastoralreferenten Heiner Buchen. Mit über 50 Jugendlichen aus dem Saarland, aus Lothringen und Rumänien reiste er im vergangenen Jahr nach Sarajewo. Gemeinsam mit Altersgenossen aus Bosnien setzte sich die Gruppe - 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs - mit Fragen von Krieg und Versöhnung auseinander und entwickelte unter Leitung der Tänzerin Daniela Rodriguez eine beachtliche Hip-Hop-Choreografie.

Die Kreativität, mit der hier das vermeintlich auf einen lässig-coolen Gestus reduzierte Streetdance-Vokabular um ein ganzes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten erweitert wurde, imponierte. Mit kantig-harten, dann wieder elegant-geschmeidigen Bewegungen, im Kollektiv oder in Soli und Duetten, entstanden berührende Bilder: für das lebendige Sarajewo der Vorkiegszeit, das Attentat am österreichischen Thronfolger, die Waffensegnung katholischer Priester, das Grauen des Stellungskriegs von 1914 und die Balkankriege der 90er-Jahre.

Mit artistischer Eleganz, inklusive genreüblicher Drehungen auf dem Kopf, Salti und Robot-Dance - und ihrer ansteckenden Spielfreude setzten die Jugendlichen der Schwere der Geschichte eine zukunftsweisende Lebensfreude entgegen. 20 Jahre nach dem Krieg wünschen sich junge Bosnier nichts sehnlicher als Einheit und Frieden in ihrem noch immer tief gespaltenen Land. Ihre Wünsche am Ende des Stücks waren hoffnungsfrohe Plädoyers für eine bessere Zukunft.

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