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Gebärdensprache

Gehörlose in NRW klagen über zu wenige Dolmetscher

Beim Arzt, in der Schule oder im Job: Gebärdendolmetscher helfen im Gespräch zwischen Hörenden und Gehörlosen. Doch in NRW gibt es viel zu wenige von ihnen. Wir haben eine Dolmetscherin bei der Arbeit begleitet.

Niklas hat nie ein Wort gesprochen. Niklas hat nie ein Wort gehört. Niklas ist seit seiner Geburt gehörlos. Auf dem Spielplatz seiner Kölner Kindertagesstätte ist der Sechsjährige an diesem sonnigen Montagmorgen trotzdem der Chef. Das eigentlich belegte Kettcar gehört ihm, wenn Niklas es möchte. Gestik und Mimik reichen für gewöhnlich, um unter den Kindern – im übertragenen Sinne – den Ton anzugeben.

Gibt es mal Streit, ist Ronja Hollenbach zur Stelle und gibt Niklas eine Stimme. Dann tauscht die zierliche Blondine ihr für gewöhnlich freundliches Lächeln gegen eine verärgerte Grimasse. Durch Gesten und Mimik übersetzt die 28-jährige die gesprochenen Worte von Niklas‘ Gegenüber in die Gebärdensprache und umgekehrt. Für hörende Ohren wirken die kindlichen Auseinandersetzungen so geradezu ruhig, aber Niklas‘ Hände fliegen ausschweifend durch die Luft, übersetzt heißt das: Der Siebenjährige ist sauer; je ausdrucksstärker die Gebärde, umso lauter das gesprochene Wort. So dauert es zwar eine Zeit, ehe Hollenbach die letzten Wortwechsel vermittelt hat, doch die Verständigung zwischen den Kindern funktioniert.

Gebärdensprache erst seit 2002 anerkannt

Noch vor der Jahrtausendwende gab es den Job des Gebärdensprach-Dolmetschers gar nicht. Mehr noch: Den bundesweit rund 80.000 Gehörlosen war es bis dato unter anderem an Schulen nicht erlaubt, eine eigene Sprache zu nutzen. Die Betroffenen waren angehalten, Lautsprache von Lippen abzulesen und sich durch geschriebene Worte mitzuteilen. Bei diesem System hatten Gehörlose kaum eine Chance mit Hörenden mitzuhalten. Entsprechend gering waren Abschluss- und spätere Jobchancen. Erst 2002 wurde die Gebärdensprache als vollwertige Sprache in Deutschland anerkannt. Jedes Bundesland hat einen Dialekt, für Begriffe ohne Gebärde gibt es das sogenannte Fingeralphabet. Mittlerweile wird die Sprache im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bei Veranstaltungen, Parteitagen oder eben in Kindergärten benutzt.

„Anfangs gab es natürlich das ein oder andere Missverständnis, vielen war nicht klar, wofür eine Dolmetscherin da ist“, sagt Anne-Marie Köhler. Sie leitet die „Bienen-Gruppe“ in der Caritas-Kita in Köln-Porz. Fünf der 17 Kinder hier haben eine geistige oder körperliche Behinderung, Niklas ist einer davon. Um die Kinder für seine Einschränkung zu sensibilisieren, hat Köhler in den Gruppen-Alltag Sitzkreise eingebaut, in denen die Kinder Gebärden lernen sollen.

75 Euro plus Fahrtkosten und Gebühren kostet ein Dolmetscher pro Stunde. Finanziert wird ein Großteil von der Stadt und dem Landschaftsverband Rheinland (LVR). Der fördert gehörlose Kinder oder Kinder, deren Eltern gehörlos sind, ab dem vierten Lebensmonat. Seit dem Schuljahr 2014/2015 haben Eltern ein Anrecht, ihre gehandicapten Kinder an einer Regelschule anzumelden und diese dort inklusiv unterrichten zu lassen. 2014 nahmen bereits 56 Prozent der vom LVR geförderten Kinder diese Möglichkeit wahr. Seither „hat die Zahl der Kinder mit Unterstützungsbedarf an allgemeinen Schulen stark zugenommen“, heißt es beim LVR.

Hohe Hürden für das Studium

In einer Kerpener Grundschule ist Emil* (Name geändert) der erste Gehörlose und aktuell das einzige Inklusionskind unter 148 Schülern. Der Sohn gehörloser Eltern beherrscht die Gebärdensprache perfekt, sein Fall zeigt dennoch die Schwierigkeiten von Inklusion. Die Kommunikation zwischen dem Kind und der Dolmetscherin ist beschwerlich. Häufig meidet der Siebenjährige den Blickkontakt mit Hollenbach. Die stampft mit den Füßen auf den Boden, um Emils Aufmerksamkeit zu bekommen. Konstant dem Unterricht folgen kann der gehörlose Junge trotzdem nicht, die Konzentration, vielleicht aber auch einfach die Lust fehlt. „Es ist nicht meine Kernaufgabe einzugreifen, wenn die Kinder Unsinn machen oder nicht zuhören“, sagt Hollenbach. Häufig übersetzt sie an der Grundschule das Gesprochene einfach ins Nichts hinein.

Eine solche Situation sei eine Ausnahme, sagt Hollenbach später. Ein Großteil ihrer Kunden schätze ihre Dienste. Für sie ist die Dolmetscherin Stimme und Gehör zugleich, doch ihr Job sei keineswegs einseitig zugunsten der Gehörlosen: „Ich dolmetsche, weil die Gebärdensprache kaum verbreitet ist und viele hörende Menschen deshalb ansonsten den Kontakt mit Gehörlosen scheuen würden“, sagt Hollenbach.

Vor rund einem Jahr nahm sie ihren ersten Job als Dolmetscherin an. Dass sie heute ihren selbsternannten Traumjob gefunden hat, war purer Zufall: Mit Gehörlosen war die Essenerin zuvor kaum in Berührung gekommen, zunächst hatte sie ein Englisch- und Französisch-Studium beendet. Durch eine Bekannte erfuhr sie schließlich vom Gebärdensprach-Dolmetschen. „Ich fand die Sprache unheimlich interessant und habe dann in Hamburg ein zweites Studium begonnen.“

Vier Jahre dauert das Studium, in dessen Rahmen die Studenten auch die Sprache lernen. Bundesweit wird das Dolmetscher-Studium nur an fünf Hochschulen angeboten, als einzige Uni in NRW führte Köln zum Wintersemester 2017/2018 einen Bachelor-Studiengang ein. Aktuell sind zwölf Studenten eingeschrieben, der Numerus Clausus liegt bei 1,3. Die Alternative zum Studium, eine Ausbildung, kann nur antreten, wer die Sprache bereits perfekt beherrscht.

„Wir sind zu zweit gestartet, heute sind wir elf – und ausgebucht“

Hohe Hürden für den Einstieg in eine noch junge, noch oft unbekannte Branche, die Nachwuchs dringend benötigt. „Die Zahl der Aufträge ist in den letzten Jahren immens gestiegen, so schnell können neue Leute gar nicht ausgebildet werden“, sagt Andrea Knipping vom Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher. Der zählt für ganz NRW und seine rund 17.000 Gehörlosen aktuell lediglich 134 Mitglieder.

Für Monika Terbeck sind das „viel zu wenige“. Sie leitet eine Beratungsstelle für Gehörlose in Witten. „Viele Leute wenden sich an uns, um behördliche Schreiben erklärt zu bekommen oder Arztbesuche zu organisieren. Weil Gebärdensprache so lange verpönt war, fehlen gerade viele Kenntnisse zu Behörden“, sagt Terbeck. Ähnliches berichtet ihre Caritas-Kollegin Kathrin Kluge, die eine Beratungsstelle in Düsseldorf leitet. „Hier haben Gehörlose auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Da versuchen wir Hilfe anzubieten.“ Über 160 Menschen haben allein in Düsseldorf solche Angebote im vergangenen Jahr angenommen, fast immer musste ein Dolmetscher helfen.

Flexibel oder spontan ist Hilfe jedoch selten zu bekommen. Die Auftragsbücher sind voll, die Wartezeit beträgt oft mehrere Tage. Das gibt auch Daniel Nusch zu. Er hat 2013 die Kölner Dolmetsch-Firma „Tridimo“ gegründet. „Wir sind damals zu zweit gestartet. Heute sind wir elf Dolmetscher und häufig ausgebucht.“ Das Unternehmen würde gerne weiter expandieren. „Wir wollen und müssen noch mehr werden, um unsere Dienste noch flexibler anbieten zu können“, sagt Nusch. Auf neue Mitarbeiter mit großer Vorerfahrung muss er meist verzichten, trotz „fairem Gehalt“ und Dienstwagen. Nach Angaben des Berufsverbands machen sich rund 90 Prozent der Dolmetscher nach den ersten Berufsjahren lieber selbstständig. Das sei in Zeiten guter Auftragslage lukrativer, heißt es. Vergleichbare Gehaltsangaben will jedoch keiner der Beteiligten nennen.

Ronja Hollenbach holte Nusch direkt von der Uni ins Team. Ein Kaltstart. Zwar werden den Neuen anfangs erfahrene Begleiter zur Seite gestellt, die Umstellung vom Hörsaal ins hektische und anspruchsvolle Berufsleben ist dennoch groß. „In unserem Job gibt es keine Situation, wo man zu Beginn viele Fehler machen darf. Es gibt keine Schonsituationen oder einen weichen Einstieg. Die Kunden sind auf uns angewiesen“, sagt Nusch.

Je spezifischer der Fall, desto anspruchsvoller die Aufgabe für die Dolmetscher. Am Nachmittag muss Hollenbach für Mario Boy eine Berufsschulung übersetzen. Der 24-Jährige ist kaufmännischer Auszubildender bei einer großen Baumarktkette in Köln und hochgradig schwerhörig. Mit Hilfe eines Hörgeräts versteht er sein Gegenüber, wenn dieses langsam und deutlich spricht; im Gewusel eines Klassenzimmers braucht er Hilfe. Das Thema Buchhaltung steht auf dem Stundenplan, Begriffe wie „Warenverbuchung“, „Umlaufvermögen“ oder „stille Reserven“ lassen Hollenbachs Hände rotieren. Mal muss sie das Wort mit den Fingern in Sekundenschnelle buchstabieren, mal die Gebärde für komplizierte Fachbegriffe wissen. 90 Minuten geht das so. „Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich wirklich sicher zu fühlen“, sagt sie.

Mittlerweile übernimmt sie bis zu fünf solche Aufträge pro Tag, auch mal über die NRW-Landesgrenzen hinaus. Besonders im ländlichen Raum, wie im Münsterland oder der Eifel, ist der Dolmetscher-Mangel teils eklatant. Oder auch im nahen Ausland: Als das luxemburgische Parlament Mitte Juli die Gebärdensprache offiziell anerkannte, wurde dafür extra ein Dolmetscher aus Köln bestellt. Alle luxemburgischen Dolmetscher waren ausgebucht. Alle beide.