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Gängelnder Staat macht unfreie Bürger

Saarbrücken. "Wir hatten es uns ja fast gedacht, aber so nun auch wieder nicht", zeigte sich Rudolf Warnking am Mittwoch vom Andrang auf die Union Stiftung überwältigt und lag wohl richtig mit der Vermutung, Harald Martenstein müsse ganze "Fan-Kohorten" im Saarland haben

Saarbrücken. "Wir hatten es uns ja fast gedacht, aber so nun auch wieder nicht", zeigte sich Rudolf Warnking am Mittwoch vom Andrang auf die Union Stiftung überwältigt und lag wohl richtig mit der Vermutung, Harald Martenstein müsse ganze "Fan-Kohorten" im Saarland haben. Über 200 Besucher drängten sich bis in den Flur und einen Nebenraum des Stiftungs-Hauses in Saarbrücken, um mehr zu einem Thema zu erfahren, das doch arg nach Predigt riecht: "Tugendwahn - Wie wird trotz Demokratie langsam immer unfreier werden."


Pickt man sich nur ein paar nackte Kernaussagen aus dem Essay heraus, den der aus Mainz stammende "Zeit"-Journalist und Autor speziell für diesen Abend verfasst hat, so liegt man mit dem Verdacht auch gar nicht falsch. Drei miteinander verschmelzende geistig-politische Tendenzen der vergangenen Jahre, so mahnt Martenstein, führten dazu, dass wir uns in der demokratischen Gesellschaft immer mehr beobachtet und gegängelt fühlten.

So warnt er etwa vor der Tendenz zur völligen Transparenz und Geheimnislosigkeit, die vorangetrieben durch Bild-Leserreporter, Handykameras, Facebook und Piraten, jede schwangere Halbprominente gleich auf Seite eins an den Pranger stelle. Piepsende Autos, die uns zum Anschnallen nötigten, Rauchverbote selbst beim einsamen Paddeln auf bayerischen Seen - dahinter stehe die Tugendwahn-Idee, dass der Staat ein moralisch einwandfreies Leben des Einzelnen durchsetzen könne und darüber entscheiden solle, welches Risiko man vermeiden müsse. Gegen das Vorhandensein moralischer Prinzipien sei ja nichts einzuwenden, aber es komme wie in der Medizin auf die Dosis an, mahnt Martenstein zur "Mäßigung". Doch als brillanter Kolumnist mit Kultstatus, der er ist, versteht er das viel schöner zu verpacken und durch kuriose Beispiele aus dem Medienticker mit der nötigen Portion Humor zu versehen. Wobei er natürlich auch selbst von der Tendenz zur Transparenz profitiert. sbu

Foto: Ursula Düren/dpa