Fruchtzucker ist offenbar nicht so gesund wie lange behauptet wurde

gesund leben : Fruchtzucker verliert seinen Heiligenschein

Fruchtzucker steckt in Säften und wird vielen Lebensmitteln als billiger Süßstoff zugesetzt. Große Mengen machen uns aber fett und krank.

Fruchsäfte und Smoothies aus Obst gelten als gesund. Laut Statistik trinkt jeder Deutsche pro Jahr 30 Liter Fruchtsaft und Fruchtnektar. Viele jedoch kommen auf mehrere Gläser pro Tag. Das kann zu gesundheitlichen Problem führen, weil der enthaltene Fruchtzucker, die Fruktose, nicht so harmlos ist, wie man lange geglaubt hat.

In geringen Mengen ist Fruktose kein Problem, liegt die Zufuhr jedoch deutlich über dem, was mit etwas Obst und Gemüse aufgenommen wird, tut das der Gesundheit gar nicht mehr gut. Fruchtzucker fördert dann die Fettbildung in der Leber, kann die Harnsäure und damit das Risiko für Gicht erhöhen und sogar im Gehirn die Funktionen für Lernen und Gedächtnis beeinflussen.

Übergewicht durch Fruchtsaft Nach Erkenntnissen der Universität London liefern in westlichen Ländern allein Fruchtsäfte jeden Tag durchschnittlich 100 Kilokalorien pro Kopf zusätzlich. 100 Kilokalorien mehr am Tag reichen aus, das Körpergewicht in einem Jahr um drei Kilogramm nach oben zu treiben. In zehn Jahren sind es schon 30 Kilogramm Übergewicht.

Die meisten glauben, die Säfte seien gesund und böten eine einfache Möglichkeit, seine tägliche Portion Obst und Vitamine zu bekommen. „Doch 98 Prozent dieser Säfte enthalten Fruchtsaftkonzentrat mit hohen Mengen an Zucker, mehr als zum Beispiel in einer Cola steckt“, erläutert Professor Dr. Tim Spector von der Uni London. 0,2 Liter Traubensaft enthalten rund 32 Gramm Zucker, 0,2 Liter Apfelsaft etwa 24 Gramm und 0,2 Liter Cola 22 Gramm.

Ganze Früchte wirken anders Fruchtzucker galt lange als gesund, weil er anders als Glukose kaum Insulin zur Verarbeitung braucht. Glukose steckt ebenfalls in Früchten und Fruchtsäften, im Haushaltszucker, in Lebensmitteln wie Brot, Reis, Nudeln und Teigwaren, in Kartoffeln, Marmelade oder Honig. Doch offenbar treibt Fruktose den Insulinspiegel nur dann nicht hoch, wenn ganze Früchte verzehrt werden. Fruktose in flüssiger Form lässt die Insulinausschüttung hingegen viel stärker steigen.

„Bei einer Studie mit 425 Japanern, die ein hohes Diabetesrisiko hatten, fand man heraus, dass beim Essen von Früchten der Insulinspiegel normal anstieg. Bei den Teilnehmern, die die gleiche Menge Fruktose über zuckerhaltige Getränke bekamen, waren die Insulin-Spitzenwerte doppelt so hoch“, berichtet Tim Spector.

Die Leber verfettet Fruktose wird vom Körper anders verarbeitet als Glukose. Der größte Teil der Fruktose wird über den Darm direkt zur Leber befördert. Dort wird sie in geringen Mengen in Energie umgewandelt, größtenteils jedoch als Fett eingelagert. „Der Körper braucht Fruktose eigentlich gar nicht“, sagt der Leberspezialist Professor Dr. Ansgar Lohse von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. „In kleinen Mengen werden Magen, Darm und Leber trotzdem problemlos damit fertig. Doch für die sinnvolle Verarbeitung größerer Mengen sind sie von der Evolution nicht ausgelegt.“

Doch wir konsumieren zunehmend Fruktose, die auch als vermeintlich gesunder Ersatz für den in jüngster Zeit immer heftiger geschmähten raffinierten Zucker gilt. „Viele Nahrungsmittel enthalten Fruktose, ohne dass wir es ahnen, zum Beispiel Fertigmüsli, Wurst, Mais, Mayonnaise, Brot, auch Vollkorn, praktisch alle Diabetikerprodukte, Wein, Gummibärchen, Bonbons, Pizza“, zählt Lohse auf.

Bahnbrechende Forschung Die Molekularbiologin Dr. Kimber Stanhope von der Universität von Kalifornien in Davis hat 2009 in einer bahnbrechenden Studie mit 32 übergewichtigen Personen nachgewiesen, dass viel Fruktose die Leber verfetten lässt. Die Teilnehmer konsumierten zehn Wochen lang entweder mit Glukose oder Fruktose gesüßte Getränke, die 25 Prozent des Energiebedarfs deckten. Beide Gruppen nahmen durch den hohen Zuckerkonsum an Gewicht zu. Doch nur bei den Personen, die Fruktose zu sich genommen hatte, lagerte sich deutlich mehr Fett in der Leber und im Bauchraum ab.

Der Fettleibigkeitsforscher Professor Dr. George Bray von der Louisiana-State-Universität in Baton Rouge hat auf den Zusammenhang zwischen zunehmendem Zuckerkonsum und zunehmender Fettleibigkeit in den USA hingewiesen. Bray erläutert, dass 75 Prozent aller Nahrungsmittel und Getränke Zucker in einer Vielzahl von Varianten enthalten. In preiswerten und Fertigprodukten wird oft Fruktosesirup zum Süßen verwendet, der industriell sehr billig aus Mais- oder Weizenstärke gewonnen wird.

Hohes Risiko für Diabetes Wissenschaftler der Harvard-Universität in Boston, die mehrere große Ernährungsstudien ausgewertet haben, kommen zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Säften, die aus Fruchtsaftkonzentraten hergestellt sind oder viel Haushaltszucker (Saccharose) oder Maissirup enthalten, mit einem Risiko für Fettleibigkeit und Diabetes einhergehen. Die Autoren empfehlen, auf Wasser umzusteigen, um das Risiko für chronische Krankheiten zu verringern.

Forscher der Universitäten Maastricht in den Niederlanden und Lausanne in der Schweiz, die ebenfalls mehrere Fruktose-Studien ausgewertet haben, schreiben: „Die verfügbaren Beweise weisen darauf hin, dass der Konsum von zuckergesüßten Getränken mit einer Gewichtszunahme zusammenhängt.“

Eine Zumutung für den Darm Maissirup sei nicht nur für die „die Leber eine Zumutung, sondern auch für den Darm“, sagt Ansgar Lohse. „Dort kann ein Fruktoseflut unangenehme Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall auslösen.“ Auch könne die Darmschleimhaut geschädigt werden. Sie wird durchlässig für Substanzen, die in die Blubahn wandern statt mit dem Stuhl ausgeschieden zu werden. Das kann im Körper zu Entzündungen führen. „Es besteht der Verdacht, dass auch Autoimmmunkrankheiten und Allergien damit zu tun haben.“

Noch ist nicht endgültig geklärt, in welchem Maße und mit welcher Intensität Glukose und Fruktose auf unsere Darmbakterien einwirken. Doch Getränke, die viel Fruktose enthalten, lösen bei vielen Menschen mikrobielle Gärung, Blähungen und Unwohlsein aus. Forscher der Nagoya-Universität in Japan haben das sogar für Sportgetränke nachgewiesen, die Fruktose enthalten.

In einer Studie mit 475 Männern und 579 Frauen im Alter ab 30 Jahren an der Universität von Sao Paulo in Brasilien kam heraus, dass eine hohe Zufuhr von Fruktose durch stark zuckerhaltige Lebensmittel und Fruchtsäfte bei genetisch anfälligen Personen mit einer Fruktoseintoleranz einhergeht. Wurden ganze, frische Früchte gegessen, war das nicht der Fall. Möglicherweise bewirkt der höhere Anteil von Ballaststoffen (Pflanzenfasern) in ganzen Früchten diesen Unterschied.

Allerdings rät Ansgar Lohse, der Leberspezialist der Uniklinik Hamburg, sich auch beim Konsum ganzer Früchte zurückzuhalten. „Ein Apfel ist gesund, zwei machen die Leber fett.“ Lohse begründet das damit, dass die Leber den im Obst enthaltenen Fruchtzucker in Fett umwandele, was die Entstehung einer Fettleber begünstigen könne.

Zuckerstudie in der Schule Die Verfettung der Leber ist heute ein großes Problem. Schon die Hälfte aller übergewichtigen Kinder entwickelt eine Fettleber. Von den 30 bis 40 Prozent der Erwachsenen, die eine Fettleber haben, wissen es die meisten nicht einmal. Nicht nur Cola und Limonaden tragen zur Leberverfettung bei, sondern auch naturbelassene Säfte, die meist große Mengen Zucker enthalten. An der Universität Amsterdam nahmen 641 vorwiegend normalgewichtige Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren an einer Zucker-Studie teil. In der Schule erhielt eine Gruppe jeden Tag ein zucker- und kalorienfreies Getränk (0,25 Liter), die andere Gruppe ein zuckerhaltiges Getränk, das 104 Kilokalorien hatte. Nur bei den Kindern, die das gezuckerte Getränk konsumierten, stellten die Forscher eine stärkere Gewichtszunahme und Fettansammlung fest.

„Bei Kindern führt jedoch schon eine kurzfristige Einschränkung der Fruktoseaufnahme zu einer schnellen Verbesserung der Fettleber“, sagt Professor Dr. Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernäherungsforschung.

Der Hunger bleibt Flüssiger Zucker löst offenbar kein Sättigungsgefühl aus. Daher reduzieren Kinder und Erwachsene, die große Mengen Softdrinks und Säfte zu sich nehmen, die verzehrten Mengen anderer Lebensmittel nicht. Die Fruktose-Studien mit Menschen haben gezeigt, dass schon nach wenigen Monaten ungünstige Veränderungen des Stoffwechsels auftreten. Es lagert sich mehr Eingeweidefett ab. „Die Auswirkung von Fruktose in Lebensmitteln und Getränken auf das innere Fett wird wahrscheinlich unterschätzt“, sagt Tim Spector. Das gilt sogar für augenscheinlich normalgewichtige Menschen, die jedoch viel Eingeweidefett haben, dafür wenig Muskelmasse. „Ihrem Stoffwechsel geht es sehr schlecht“, sagt Spector.

Fruktose regt die Bildung von Harnsäure an. „Ein hoher Harnsäurespiegel kann Gicht auslösen und wird mit anderen Stoffwechselstörungen wie erhöhtem Blutdruck und Insulinresistenz in Zusammenhang gebracht“, erklärt Andreas Pfeiffer.

 Links ist eine Zelle einer gesunden Leber zu sehen. Es sind nur wenige Fetttröpfchen (hellgrün) eingelagert. Die Zelle einer Fettleber (rechts) hingegen ist dicht mit Fetttropfen (hellgrün) gefüllt.
Links ist eine Zelle einer gesunden Leber zu sehen. Es sind nur wenige Fetttröpfchen (hellgrün) eingelagert. Die Zelle einer Fettleber (rechts) hingegen ist dicht mit Fetttropfen (hellgrün) gefüllt. Foto: Karl-Franzens-Universität Graz
Fruchtzucker ist offenbar nicht so gesund wie lange behauptet wurde
Foto: Karl-Franzens-Universität Graz
 Buchcover Das Schweigen der Leber
Buchcover Das Schweigen der Leber Foto: Trias-Verlag

Das erhöhte Risiko für eine Leberverfettung durch einen hohen Fruktose-Konsum greift auch das neue Buch „Das Schweigen der Leber“ auf. Die Ernährung und ihre Auswirkung auf die Leber sind aber nur ein Teil der Ausführungen. Die Autoren informieren zudem über die häufigsten Lebererkrankungen sowie Behandlungsmethoden bis hin zu einer Lebertransplantation.

Professor Dr.
Ansgar Lohse und Ulf Goettges: Das Schweigen der Leber, Trias-Verlag, 271 Seiten, 16,99 Euro