Friedrich, der auch Bruchpilot sein konnte

Friedrich, der auch Bruchpilot sein konnte

Dürrenmatt und das Auto - nach Ansicht von Peter Rüedi ist das ein schmerzensreiches Kapitel: "Dass über seiner automobilistischen Karriere ein glücklicher Stern gestanden hätte, wird keiner behaupten und jedermann verstehen, der je das zweifelhafte Vergnügen einer Ausfahrt mit Dürrenmatt hatte

Dürrenmatt und das Auto - nach Ansicht von Peter Rüedi ist das ein schmerzensreiches Kapitel: "Dass über seiner automobilistischen Karriere ein glücklicher Stern gestanden hätte, wird keiner behaupten und jedermann verstehen, der je das zweifelhafte Vergnügen einer Ausfahrt mit Dürrenmatt hatte." Es sei eine Art höherer Vorsehung, die Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) "durch alle Crashs" rettete - etwa als ihm unverschuldet auf dem Weg von Neuchâtel nach Zürich ein Junge in den Wagen lief.Peter Rüedi, 1943 in Basel geboren, ist Germanist und Journalist, schreibt über Literatur, aber genauso über Jazz und Wein. Er hat allerdings auch über 40 Jahre mit und über F.D. gearbeitet. Als Chefdramaturg am Zürcher Schauspielhaus war Rüedi letzthin verantwortlich für die Uraufführung von Dürrenmatts letztem Bühnenstück "Achterloo" im Oktober 1983.

Sieben Jahre später ist Rüedi zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: in die Redaktion der "Weltwoche". Mitarbeiter dieser Zürcher Wochenzeitung war auch Dürrenmatt in den 50er Jahren gewesen. Zu dessen 70. Geburtstag am 5. Januar 1991 plante das Blatt eine Serie; aus der Überlegung heraus, dass die Literatur (Germanistik-Studenten und Dürrenmatt-Kenner werden dies bestätigen) über Dürrenmatt und seine Werke enorm ist, konkrete Stöberei im Privaten blieb jedoch eine Randerscheinung.

Den Grundgedanken dieser Serie führt Rüedi in seiner jetzt erschienenen umfangreichen biografischen Hommage an F.D. beweiskräftig und faktengewichtig fort. Auf über 700 Seiten wird erstmals etwa unter Auswertung unzähliger Gespräche mit Dürrenmatt und seines Nachlasses im Schweizerischen Literaturarchiv Bern das schwierig zu Erlangende ausgebreitet: ein intimeres, biografisches Wissen über Friedrich Dürrenmatt. Über den Schöpfer von Stücken wie "Die Physiker", "Der Verdacht", "Es geschah am hellichten Tag" oder "Grieche sucht Griechin".

"Zu Beginn eher widerwillig, ließ er sich überzeugen, mir auch nach der Rückkehr von seiner Weltreise in weiteren Gesprächen Auskunft zu biographischen Hintergründen zu erteilen", notiert Rüedi zu Beginn seiner Aufzeichnungen. Im Folgenden besticht die Lebensbeschreibung der Jahre 1921 bis 1990 - Akzente liegen vornehmlich auf dem Aufwachsen in Konolfingen im Emmental (Kanton Bern), der Aufnahme und dem Abbruch des Philosophiestudiums in Bern und Zürich zugunsten des Fortkommens als Dramatiker, Erzähler, Essayist, Zeichner und Maler - durch Faktendichte und Skurrilitäten. Neben der Eingangsepisode zu den Fährnissen des Automobil-Alltags im Leben Dürrenmatts in den späten 50ern findet sich zur Studienzeit eine weitere Kuriosität. Im Februar 1943 wird der Student Dürrenmatt in Zürich ernsthaft krank: "Vielleicht noch befördert durch seine abenteuerliche Ernährung (Grundnahrungsmittel: Kohl), stellte sich eine Hepatitis ein." Dürrenmatt, fährt Rüedi fort, kurierte sie zuerst als vermeintliche Magen-Darm-Grippe ausgerechnet mit billigem Rotwein. Es sind Momente in Dürrenmatts Privatleben, welche sein schriftstellerisches Tun nicht konterkarrieren, sondern es plausibler machen. Beim Leser entsteht ein Bild voller Ahnung von Dürrenmatts Gedankengebäude samt Zweifeln, Erfolgen und Niederlagen.

Rüedis mehr als 200 umfassender Anhang mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturangaben, Register und einer Chronologie zu Leben und Werk ist handwerkliches Qualitätssiegel und Anreiz zu weiterer, eingehender Beschäftigung mit einem der großen Schriftsteller unserer Tage.

Peter Rüedi, Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen. Diogenes, 960 Seiten, 28,90 €

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