Fleisch aus artgerechter Tierhaltung besser als sein Ruf

Kostenpflichtiger Inhalt: Was ist gesunde Ernährung? : Expertin warnt vor „wissenschaftlich unhaltbarer Verunglimpfung“ von Fleisch

Keinesfalls stufen alle Ernährungsexperten Fleisch als Problem-Lebensmittel ein. Fleisch aus artgerechter Tierhaltung ist für eine ausgewogene Ernährung sogar oft unverzichtbar.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht zu hören oder zu lesen ist, wir sollten uns nur noch von Pflanzen ernähren. Das leuchtet zunächst durchaus ein, gelten doch Gemüse, Salate, Kräuter und Früchte als wichtige Bestandteile gesunder Mahlzeiten. An diesem Punkt gibt es in der sonst häufig zerstrittenen Ernährungsszene den geringsten Streit.

Auch Getreide in Form von Vollkornprodukten genießt einen guten Ruf. Stark verarbeitetes Getreide, bei dem die nähr- und ballaststoffreichen Randschichten und Keimlinge entfernt werden, kann hingegen Übergewicht, Diabetes, Darmprobleme und entzündliche Erkrankungen im Allgemeinen befördern. Dieses sogenannte raffinierte Getreide steckt zum Beispiel in Cornflakes, Muffins, Bagels oder weißen Brötchen.

Harmlose Bezeichnung Da viele pflanzliche Lebensmittel, zumindest solange sie nicht übermäßig industriell verarbeitet werden, umweltverträglicher sind als intensiv gehaltene Nutztiere, kommt den Pflanzen eine zunehmende Bedeutung zu, wenn es darum geht, die Menschheit nicht nur gesund, sondern auch nachhaltig und ohne Tierquälerei zu ernähren.

Foto: SZ/Steffen, Michael

Doch unter dem Deckmäntelchen der harmlosen Bezeichnung „pflanzenbasierte Ernährung“ kommt es immer häufiger zu einer völlig überzogenen und wissenschaftlich unhaltbaren Verunglimpfung des Fleisches, die zudem darüber hinwegtäuscht, dass mit einer rein pflanzlichen Ernährung ohne Nahrungsergänzungsmittel eine angemessene Nährstoffversorgung praktisch unmöglich ist.

Im Januar 2019 titelte Spiegel online „Iss nur 43 Gramm Fleisch pro Tag, rette die Welt“. Anlass war ein großer Bericht der international besetzten Eat-Lancet-Kommission im Medizin-Fachblatt Lancet. Darin wurden globale Ernährungsempfehlungen formuliert, die für Mensch, Tier, Klima und Umwelt gesund und nachhaltig sein sollen. Empfohlen wird eine Ernährung, die auf Getreide, Obst und Gemüse basiert. Wer will, darf dazu sehr kleine Mengen Eier, Milchprodukte, Fleisch und Fisch verzehren. Diese könne man aber auch weglassen.

Zwar erwähnt der Bericht, dass insbesondere für Frauen, Kinder, Schwangere und Stillende in armen Ländern tierische Lebensmittel von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit sein können und dass die Tierhaltung vielen armen Familien auf der Welt ihre Lebensgrundlage sichert. Doch das scheinen nur unbedeutende Randnotizen, die in vielen Medienberichten nicht weiter diskutiert wurden.

Experten üben Kritik Ernährungswissenschaftler aus aller Welt haben die Empfehlungen der Kommission heftig kritisiert. Die britische Ernährungsexpertin Dr. Zoë Harcombe zum Beispiel hat festgestellt, dass mit den im Eat-Plan empfohlenen Lebensmitteln der Bedarf an wichtigen Nährstoffen wie Eisen (Blutbildung), Zink (Wundheilung, Immunsystem) oder Vitamin A (Sehen) gar nicht gedeckt werden kann. Das treffe insbesondere auf die Armen mit einer ohnehin schlechten Ernährungssituation zu.

Doch auch die überernährten Menschen in den Industrienationen profitierten nicht von den Vorschläden der Eat-Kommission, denn eine derart getreidelastige Ernährung sei auch für Menschen mit Übergewicht, Fettleber, Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten nicht geeignet, weil sie zu viele Kohlenhydrate und zu wenig Protein und gesunde Fette liefere, sagt Harcombe.

Pauschale Verunglimpfung Zoë Harcombe betont, dass es für die pauschale Verunglimpfung des Fleisches als ungesundes Nahrungsmittel gar keine harten Daten gebe. Der Eat-Bericht basiert auf sogenannten Beobachtungsstudien. Für solche Studien werden in der Regel medizinische oder sozioökonomische Daten größerer Gruppen über längere Zeiträume ausgewertet. Allerdings gibt es keine Experimente und zusätzlichen Untersuchungen.

Beobachtungsstudien könnten daher bestenfalls Hinweise auf mögliche Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit geben, sagt Harcombe, sie erlaubten jedoch keine Aussage über Ursache-Wirkungs-Beziehungen.

Zudem bleiben bei Beobachtungsstudien wichtige Lebensstilfaktoren oft unberücksichtigt. So weiß man, dass Menschen, die viel Fleisch essen, oft einen insgesamt ungesunden Lebensstil haben, zum Beispiel öfter rauchen oder an Übergewicht leiden. Findet man bei ihnen mehr Herzinfarkte als bei Gemüseessern, dann muss das keineswegs am Fleischkonsum liegen.

Verzerrte Ergebnisse Menschen, die auf ihre Gesundheit achten, halten sich eher an Ernährungsempfehlungen. Lauten diese „fettarm und kohlenhydratreich“, dann lassen Beobachtungsstudien darauf schließen, dass eine solche Ernährungsform mit einer besseren Gesundheit einhergeht. Allerdings können die gesundheitlichen Effekte auch dadurch zustande kommen, dass Gesundheitsbewusste meist nicht rauchen, regelmäßig Sport treiben, meditieren und Alkohol nur maßvoll konsumieren – so wie viele Vegetarier. Das generelle Verhalten kann die Ergebnisse von Beobachtungsstudien also verzerren.

Für eindeutigere Erkenntnisse könnten sogenannte Interventionsstudien sorgen, für die man die Menschen verschiedene Lebensmittel essen lässt und ermittelt, ob sich dies auf ihre Krankheitsrisiken auswirkt. Nach Harcombes Recherchen gibt es bis heute jedoch keine Interventionsstudie, die allein den Effekt eines Austauschs von Fleisch durch pflanzliche Lebensmittel auf das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Zivilisationsleiden untersucht hätte. Die nachteiligen Effekte schlechter Essgewohnheiten mit Völlerei, Fast Food und Softdrinks schiebt man dem Lebensmittel Fleisch daher zu Unrecht zu.

Verschiedene Proteinquellen In einer aktuellen Analyse von 36 Interventionsstudien fand das Team von Dr. Walter Willett, Professor an der medizinischen Harvard-Universität in Boston und Hauptautor des Eat-Berichtes, heraus, dass sich das Risiko, an Herz- oder Gefäßkrankheiten zu erkranken, im Allgemeinen nicht erhöht, wenn man verschiedene andere Proteinquellen durch Schweine- oder Rindfleisch ersetzt. Wurden Fisch oder Kohlenhydrate durch rotes Fleisch (Schwein, Rind, Kalb, Schaf, Lamm, Kaninchen) ersetzt, verbesserten sich einige Cholesterin- und Blutfettwerte sogar.

Eine aktuelle Studie des Teams um Professor Dr. Ronald Kraus von der Universität von Kalifornien in Berkeley hat ergeben, dass Fleischverzehr im Vergleich zu pflanzlichen Proteinen den Wert des LDL-Cholesterins zwar etwas erhöht; dies war jedoch darauf zurückzuführen, dass die einzelnen Cholesterin-Partikel größer wurden, was sie ungefährlicher für die Gefäßwände macht. Im Übrigen fanden sich keine Unterschiede zwischen rotem Fleisch und weißem Geflügelfleisch.

Fleischfreie Tage Es kommt weniger darauf an, ob Fleisch auf dem Teller liegt, sondern wie üppig die Portionen insgesamt sind und was dazu gegessen und getrunken wird. Fleisch kann durchaus ein wertvoller Teil einer gesunden Ernährung sein.

Dr. Frederic Leroy von der Universität Brüssel und Nathan Cofnas von der Universität Oxford sehen das Fleisch als evolutionär uraltes Lebensmittel ebenfalls zu Unrecht in der Kritik. Sie beklagen die allzu oft ideologisch verzerrte Diskussion und halten es für alarmierend, dass man in reichen Ländern Kinder durch eine rein pflanzliche Nahrung dem Risiko einer gravierenden Mangelernährung aussetzt, obwohl es genug hochwertige tierische Lebensmittel gibt.

Wir brauchen eine Versachlichung der Diskussion. Die vegane Ernährung kritisch zu hinterfragen, bedeutet nicht, gegen Gemüse oder für ungehemmten Fleischkonsum zu sein. Es spricht nichts gegen gelegentliche fleischfreie Tage und es wäre von Vorteil, wenn sich mehr Fleischesser für die Qualität der Produkte und für die Haltungsbedingungen der Tiere interessieren würden.