Filmkritik "Mid90s" von Jonah Hill

„Mid90s“ ist das Regie-Debüt von Jonah Hill : Lord Of The Board

Der herrliche Film „Mid90s“ von Jonah Hill zeichnet ein Generationenporträt und erzählt vom Erwachsenwerden auf dem Skateboard.

Stevie war sein Leben lang der kleine Bruder, aber nun hat er eine Gruppe Skater kennengelernt, und die gibt ihm die Möglichkeit, zum ersten Mal zu sein, wie er gerne wäre: lässig, easy, hang loose. Es gibt nur ein Problem: Stevie besitzt zwar ein Skateboard, aber darauf ist ein Ninja Turtle abgebildet, der „Cowabunga!“ ruft. Außerdem hat es pinke Rollen. Weiter weg von cool geht nicht.

„Mid90s“ heißt dieser Film über das Erwachsenwerden, und er ist umwerfend und großartig, und sobald es ihn auf DVD gibt, sollte man ihn ins Regal gleich neben „Stand By Me“, „Boyhood“ und „Wo die wildern Kerle wohnen“ stellen. Gedreht hat ihn Jonah Hill, den man als Schauspieler kennt, etwa aus Komödien von Judd Apatow. „Mid90s“, sagt Hill, sei in großen Teilen autobiographisch. Und tatsächlich sind das so feine und wahrhaftige Szenen, dass das nur jemand geschrieben und inszeniert haben kann, der den Hader, das Überdrehtsein, das Himmelstürmende und Deprimierende, das die Pubertät ja nun mal kennzeichnet, in jeder Nuance ebenso erlebt haben muss.

Toll ist schon jene Szene am Anfang, in der Stevie heimlich ins Zimmer seines großen Bruders schleicht. Es ist das Paradies: Air-Jordan-Sneaker stehen da, an der Wand hängt ein Poster des Wu-Tang Clan, und im CD-Regal reihen sich Alben von Gang Starr und Cypress Hill aneinander. Stevie hat Block und Stift dabei, er schreibt die Titel der Platten ab, damit er mitreden kann, und das sagt so viel – über die 90er Jahre ebenso wie ganz allgemein über das Gefühl, als Jüngerer auf die Codes und Choreografien der Größeren zu schauen. Über den Wunsch, die Zukunft endlich zu seiner Gegenwart zu machen. Der Film spielt in Kalifornien, wo man zwölf Monate im Jahr Vans und T-Shirt tragen kann und immerzu blinzeln muss wegen der Sonne.

„Mid90s“ atmet so einen Indie-Geist – zum einen, weil Kameramann Christopher Blauvelt im 4:3-Format filmt, was der Produktion etwas von der Ästhetik und Unmittelbarkeit der Skater-Videos gibt, etwas Dokumentarisches. Zum anderen, weil das Skaten hier nicht als Sport und Leistungsschau präsentiert wird, sondern als Jugend- und Gegenkultur, als Gemeinschaftserlebnis und Mittel der Abgrenzung. Jonah Hill spielt Musik aus der Zeit zu, wenn er die neuen Kumpels von Stevie beim Skaten zeigt: Bad Brains, Smiths und „Wave Of Mutilation“ von den Pixies. Diese Musik packt einen schon im Kinosessel; am Schnürchen dieser Akkorde empfindet man nach, wie das ist, wenn man mit wehendem Haar „into the great wide open“ fährt.

Der Film ist mitunter wehmütig, aber nie zu viel. Er fängt die Atmosphäre sehr schön ein, das Gefühl, 13 Jahre alt zu sein. Mit all der Beklommenheit, der Verunsicherung, Schüchternheit und Euphorie. Einmal bekommt Stevie eine Zigarette angeboten, und natürlich greift er zu. Es ist seine erste, er hustet, und die Jungs fragen: „Rauchst du überhaupt?“ Und Stevie antwortet: „Ja, aber eine andere Marke.“ Stevie bekommt bald eine neues, anständiges Skateboard, und danach skaten sie „die Lücke“, das ist ein großes Loch in einem Rohbau, und alle springen drüber hinweg, nur Stevie stürzt ab. Die Platzwunde am Kopf trägt er wie einen Orden. Lords Of The Boards.

Stevie zieht sich abends immer um, bevor er nach Hause zurückkehrt, damit seine Mutter den Rauch in den Klamotten nicht riecht. Überhaupt dokumentiert Jonah Hill sehr gut, wie es sich anfühlt, auf einmal in zwei gegensätzlichen Welten zu leben: die der Freunde und die daheim. Stevie wird selbstbewusster, lässt sich vom großen Bruder nicht mehr unterdrücken. Was indes zu neuen Konflikten führt. Stevie wird auch heimlichtuerischer, die alleinerziehende Mutter braucht nicht mehr alles zu wissen, meint er. Und als es seiner Mutter zu viel wird, geht sie mit ihm in den Skaterladen, der als Hauptquartier der Clique dient, und macht eine dramatische Ansage, die für einen Heranwachsenden natürlich extrem peinlich ist. Stevie trifft sich trotz Verbots weiter mit den Jungs, sie haben denn auch prompt einen Autounfall, und Stevie muss ins Krankenhaus. Dort spielt auch die auf allerleichtfüßigste Art versöhnliche Schluss-Szene, und in dieser Einstellung ist alles drin, was dieses Alter kennzeichnet. Alles, wonach man sich sehnt und was so großartig ist am Freunde-Sein.

Das ist ein amerikanischer Film, sie kennen dieses Lied dort nicht, aber eigentlich hätten sie im Abspann Tocotronic spielen müssen: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“.

Mid90s, USA 2018 – Regie: Jonah Hill, mit Sunny Suljic, Lucas Hedges, Katherine Waterston, Na-kel Smith, Olan Prenatt, 85 Min.

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