„Fettleibigkeit resultiert stärker aus Völlerei als aus Faulheit“

Gesund abnehmen : „Fettleibigkeit resultiert stärker aus Völlerei als aus Faulheit“

Beim Abnehmen ist es viel wichtiger, was und wie viel wir essen, als körperliche Bewegung. Doch regelmäßiger Sport hält uns ein Leben lang gesund.

(ml) Es ist eine der interessantesten Erkenntnisse der Ernährungsforscherinnen Susan Roberts und Sai Krupa von der Tufts-Universität in Boston, dass körperliche Bewegung nicht am wichtigsten ist, wenn man abnehmen möchte: „Was man isst und wie viel davon der Körper verwertet, wirkt sich viel stärker auf den Erfolg einer Gewichtsreduktion aus als Sport.“

Messungen des Energieumsatzes und Kalorienverbrauchs zeigen, dass sportliche Betätigung nicht in dem Maße zur Gewichtsreduktion beiträgt, wie oft angenommen wird. „Die körperliche Aktivität erfordert in der Regel nur ein Drittel des gesamten Energieaufwands des Organismus“, schreiben Roberts und Krupa. „Der Grundumsatz des Körpers, der Energieaufwand im Ruhezustand, um die Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten, beansprucht hingegen im Durchschnitt zwei Drittel der Gesamtenergie.“ Nicht die Skelettmuskeln, sondern Gehirn, Leber, Nieren und Herz haben den höchsten Energiebedarf.

Erstaunliche Ergebnisse: Die Energie, die unser Körper aus der Nahrung gewinnt und nicht sofort benötigt, speichert er in der Leber zwischen – als Kohlenhydrat (Glykogen) oder Fett. Ist in der Leber kein Platz mehr, wird der Überschuss in den Fettzellen eingelagert. Mehrere Forschergruppen berichten, dass der Mensch eine bestimmte Menge an Kalorien benötigt, um gesund und fit zu bleiben. Jede höhere Energiezufuhr führt zu einer schnellen Zunahme des Körpergewichts.

Ein gesunder, normalgewichtiger, durchschnittlich großer Mann in unseren Breiten verbrennt am Tag circa 2500 Kilokalorien pro Tag, eine Frau circa 1900 Kilokalorien. Menschen in Industrienationen, die bewegungsarm leben, haben allerdings keinen geringeren Kalorienbedarf als indigene Völker, die als Jäger und Sammler körperlich viel aktiver sind. Diese erstaunlichen Forschungsergebnisse stammen von Professor Dr. Herman Pontzer vom Hunter College, einer staatlichen Universität in New York.

Pontzer und sein Team haben den Kalorienverbrauch der Hazda gemessen, einer Volksgruppe von Jägern und Sammlern im Norden Tansanias. Hazda-Männer verbrauchen täglich etwa 2600 Kilokalorien, die Hazda-Frauen rund 1900 Kalorien.

Die Professorin Dr. Amy Luke von der Loyola-Universität in Chicago hat Frauen aus ländlichen Gebieten in Nigeria mit afroamerikanischen Frauen aus Chicago verglichen. Obwohl die nigerianischen Frauen körperlich viel aktiver waren, unterschieden sich die beide Gruppen beim Energieumsatz kaum. Und die Professorin Dr. Lara Dugas von der Loyola-Universität hat 98 Studien ausgewertet, für die menschliche Populationen rund um den Globus untersucht worden waren. Auch hier verblüfft das Ergebnis: Die Einwohner in modernen westlichen Staaten haben einen ähnlichen Energieumsatz wie solche in Schwellenländern, obwohl sie körperlich deutlich weniger aktiv sind.

In engen Grenzen: Diese seltsame Phänomen tritt nicht nur beim Menschen auf. Herman Pontzer hat auch den Stoffwechsel von Affen unter die Lupe genommen: Lemuren, Koboldmakis, Loris und Menschenaffen. Tiere, die in Labors und Zoos gehalten werden, verbrennen ähnlich viele Kalorien wie ihre Artgenossen in der Wildnis. Pontzer schreibt dazu: „Der Kalorienverbrauch pro Tag variiert innerhalb einer Art trotz der unterschiedlichen körperlichen Aktivität relativ wenig.“

Der Stoffwechsel der Affen läuft allerdings nicht auf so hohen Touren wie beim Menschen. Unser hoher Grundumsatz hat offensichtlich dazu geführt, dass unsere Fettpolster schnell und üppig wachsen, um für Notzeiten stets gewappnet zu sein. Unser Energieumsatz bewegt sich zudem in engen Grenzen, weil er ständig auf hohem Niveau bleibt. Das gilt allerdings nicht für Leistungssportler, die diese Grenzen mit hohem Trainingsaufwand bewusst noch oben verschieben.

Studie mit Stubenhockern: Nun ist es nicht so, dass körperliche Bewegung bei Otto Normalverbraucher gar keinen Einfluss auf den Kalorienverbrauch hat. Ein zehnköpfiges Forscherteam mehrerer Universitäten unter der Leitung von Herman Pontzer hat in einer Studie den täglichen Kalorienverbrauch von 332 Erwachsenen aus fünf verschiedenen Populationen gemessen.

Die Teilnehmer wurden mit Fitness-Sensoren ausgestattet und mussten Wasser trinken, das mit winzigen Mengen seltener Wasserstoff- und Sauerstoff-Atome versetzt war, den Isoptopen Deuterium und Sauerstoff-18. Über den Urin wurden das Deuterium und ein Teil des Sauerstoffs-18 ausgeschieden, der restliche Sauerstoff-18 wurde in Form von Kohlendioxid ausgeatmet. Anhand der Menge der ausgeschiedenen Isotope und der Geschwindigkeit des Ausscheidens konnte der Energieumsatz exakt berechnet werden.

Die Studie zeigte, dass Stubenhocker pro Tag rund 200 Kilokalorien weniger verbrennen als Menschen, die sich moderat bewegen. Dann gab es jedoch eine Überraschung: Bei weiter zunehmender körperlicher Aktivität stieg der Energieumsatz nicht weiter. Die Menschen, die während der Studie körperlich am meisten leisteten, hatten dennoch keinen höheren Energieumsatz als die Teilnehmer, die sich moderat bewegten.

Sport hemmt Entzündungen: Herman Pontzer hat dafür eine Erklärung: „Sportlich aktive Menschen verändern ihr Verhalten offensichtlich nahezu unmerklich, um Energie zu sparen. Vielleicht entspannen sie besser und schlafen fester. Möglicherweise fährt der Organismus andere Prozesse herunter, die ansonsten viel Energie verschlingen. Zum Beispiel klingen bei sportlicher Betätigung oft Entzündungen ab, die das Immunsystem sonst weiter schüren würde.“

Tatsächlich belegen neuere Studien die positive Wirkung von Sport auf unsere Gesundheit. Muskeln und Knochen schütten bei sportlicher Aktivität in großen Mengen Stoffe aus, zum Beispiel Myokine und Osteocalcin, die im Körper Entzündungen bekämpfen, Zellen schützen, den Selbstreinigungsprozess der Zellen auslösen (Autophagie) und einem Verfall des Gehirns vorbeugen. Das Risiko, an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Arterienverkalkung, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz zu erkranken, sinkt dadurch deutlich.

Familiäre Unterschiede: Im Laufe des Lebens verändert sich der Stoffwechsel. Ältere Menschen benötigen bis zu 500 Kalorien weniger als junge, weil sie Muskelmasse verlieren. Sogar innerhalb einer Familie kann der Unterschied beim Energiebedarf bei bis zu 500 Kilokalorien täglich liegen, selbst wenn man die Unterschiede berücksichtigt, die sich aus Geschlecht, Alter und Körperbau ergeben. Das legt eine Studie des Genetikers Dr. Clifton Borgadus aus Phoenix in Arizona mit 56 Frauen und 74 Männer nahe.

Professor Dr. Eric Ravussin von der Universität von Lousiana in Baton Rouge hat in einer Studie mit 177 Teilnehmern herausgefunden, dass Menschen mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang, die „herumzappeln“ und oft umhergehen, über einen Zeitraum von 24 Stunden zwischen 100 und 800 Kilokalorien mehr verbrauchen als Bewegungsmuffel. Ravussin spricht von „spontaner körperlicher Aktivität“.

Gehaltvolle Ernährung: „Zusammengenommen weist alles daraufhin, dass Übergewicht stärker aus Völlerei als aus körperlicher Faulheit resultiert“, sagt Herman Pontzer. „Wenn der tägliche Energieumsatz im Laufe der Evolution gleich geblieben ist, muss Fettleibigkeit hauptsächlich von unserer gehaltvollen Ernährung verursacht sein.“