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Bayer 04-Geschäftsführer Fernando Carro
„Die Sehnsucht nach Titeln ist groß“

Seit dem 1. Juli ist Fernando Carro Sprecher der Geschäftsführung von Bayer 04. Der in Barcelona geborene Katalane spricht neben seiner Muttersprache Spanisch auch fließend Deutsch und Englisch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Seit dem 1. Juli ist Fernando Carro Sprecher der Geschäftsführung von Bayer 04. Der in Barcelona geborene Katalane spricht neben seiner Muttersprache Spanisch auch fließend Deutsch und Englisch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. FOTO: Miserius, Uwe (umi)
Der neue Geschäftsführer des Werksklubs spricht über seine Ziele mit Bayer 04 und den Bundesliga-Start in Mönchengladbach. Von Sebastian Bergmann

Der persönliche Kontakt ist Fernando Carro wichtig. Die ersten Wochen und Monate seiner Amtszeit hat der neue Geschäftsführer von Bayer 04 daher auch dazu genutzt, um sich bei den rund 250 festangestellten Mitarbeitern von Bayer 04 vorzustellen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der 54-Jährige, was er anders als seine Vorgänger machen will und wieso Leverkusen einen Titel verdient hat.


Herr Carro, für viele Bayer-Fans sind Sie noch ein unbeschriebenes Blatt. Auf was für einen Typen dürfen sich die Leverkusener freuen?



Fernando Carro Auf einen offenen, nahbaren und kommunikativen Menschen, der wissbegierig ist und gut zuhören kann.

Bislang waren Sie „nur“ in der freien Wirtschaft tätig, jetzt sind Sie Klubchef eines Fußballvereins mit internationaler Strahlkraft. Wie ist es dazu gekommen?

Carro Ich habe immer davon geträumt, in dieser Branche zu landen. Während meines Studiums habe ich als Sportjournalist gearbeitet, wollte Chef der spanischen Sportzeitung „El Mundo Deportivo“ werden. Es kam anders und ich war über 20 Jahre bei Bertelsmann SE. Als das Angebot von Bayer 04 kam, musste ich keine Sekunde überlegen.

Welche Fähigkeiten, die Sie in der freien Wirtschaft ausgezeichnet haben, können Sie in Ihrer neuen Position am ehesten einbringen?

Carro Führungsstärke, vertriebliches Geschick und meine Kommunikationsfähigkeit. Viele der Eigenschaften, die in der freien Wirtschaft gefragt sind, werden auch in meiner neuen Rolle benötigt.

Inwiefern unterscheiden sich die Jobs?

Carro Vorher ging es vor allem um die wirtschaftliche Bilanz, bei Bayer 04 zählen in erster Linie die sportlichen Ergebnisse. Als Bundesligist und Europa-League-Teilnehmer werden wir nahezu nach jedem Spiel beurteilt, in der freien Wirtschaft gibt es meist zwei Mal im Jahr eine Bilanzpressekonferenz, in der die Zahlen präsentiert werden.

Was hat Ihnen ihr Vorgänger Michael Schade zuletzt auf den Weg gegeben?

Carro Ich habe viel von ihm gelernt, mich zudem mit seinen Vorgängern Wolfgang Holzhäuser und Reiner Calmund getroffen. Ich versuche immer, aus der Vergangenheit zu lernen. Bis Ende August geht es für mich noch vornehmlich darum, zu beobachten und zu analysieren.

Was wollen Sie anders als Ihre Vorgänger machen?

Carro Es gibt immer Aspekte, die weiterentwickelt oder angepasst werden können. Dabei hat jeder seinen eigenen Führungsstil. Mir ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen.

Wer entscheidet bei Transfers?

Carro Jonas Boldt, Rudi Völler und ich diskutieren regelmäßig über die Zusammensetzung des Kaders. Und das in enger Abstimmung mit dem Vorsitzenden des Gesellschafterausschusses, Werner Wenning. Die Vorschläge kommen überwiegend von Jonas und Rudi, die Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.

Mussten Sie bei dem neuesten Zugang Kiese Thelin lange diskutieren?

Carro Nein. Schon im Juni haben unser Trainer Heiko Herrlich, Jonas Boldt, Rudi Völler und ich darüber gesprochen, dass ein Mittelstürmer mit gewissen Eigenschaften dem Kader noch guttun würde. Gemeinsam mit unserer Scouting-Abteilung haben wir dann geschaut, was der Markt bietet und was machbar ist. Dann hat sich der Trichter verdichtet und wir haben uns für Kiese Thelin entschieden. Wir sind von seinen Qualitäten überzeugt.

Auffallend viele Bayer-Profis haben in den vergangenen Wochen geäußert, mit Leverkusen einen Titel gewinnen zu wollen. Trauen Sie es dem Team zu?

Carro Wer in einem sportlichen Wettbewerb startet, der sollte auch immer die Ambition haben, ihn zu gewinnen. Die Sehnsucht nach Titeln ist groß in Leverkusen. Abgesehen davon wollen wir zurück in die Champions League. Und im Pokal sowie in der Europa League wollen wir möglichst weit kommen.

Wie haben Sie den Werksklub wahrgenommen, bevor Sie nach Leverkusen gekommen sind?

Carro Seit dem Unterhaching-Drama im Jahr 2000 habe ich den Wunsch, dass Bayer 04 eines Tages Deutscher Meister wird. Ich würde dem Klub jedes Jahr die Daumen drücken, auch wenn ich nicht Geschäftsführer geworden wäre. Der Verein hat es verdient, die Meisterschaft zu gewinnen. Das ist mein großer Traum.

Leverkusen ist eine Sportstadt. Ist Ihnen der Kontakt und Austausch mit Sportlern anderer Disziplinen wichtig?

Carro Ja. Der TSV ist wie wir ein Aushängeschild der Stadt. Die Athleten haben bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin einige Medaillen gewonnen. Ich habe die Bayer AG immer bewundert, dass sie so viel für den Sport tun. Ich finde es gut, dass Leverkusen eine Stadt ist, in der der Sport so eine exponierte Rolle einnimmt.

Am Samstag geht’s in der Bundesliga mit der Partie in Mönchengladbach (18.30 Uhr) los. Könnten Sie sich angesichts der vielen Ausfälle auch mit einer Punkteteilung in Gladbach anfreunden?

Carro Nein. Das Ziel sind immer drei Zähler. Wir haben einen guten und breiten Kader.

Sehen Sie Bayer 04 als Europa-League-Teilnehmer in der Pflicht, Punkte für die sogenannte Fünfjahreswertung zu sammeln?

Carro Wenn wir die vier Champions-League-Startplätze behalten wollen, müssen wir als deutscher Verein so viele Punkte wie möglich holen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unserem Verein und seiner Geschichte, aber auch eine Verantwortung für den deutschen Fußball – und der stellen wir uns. Das Schönste wäre natürlich, im Endspiel in Baku dabei zu sein.

Das Gespräch führte
Sebastian Bergmann