Exzesse gegen die Einsamkeit

Exzesse gegen die Einsamkeit

Saarbrücken. Sie langweilt sich auf Partys der Kulturschickeria, wo klug dahergeschwätzt wird. Sie geht lieber zu Partys, bei denen dummes Zeug geredet, aber nicht unbedingt ernstgenommen wird. Ausgehen ist wichtig, dabei sein, Drogen probieren. Sie liebt eine Fotografin, ist aber auch am anderen Geschlecht interessiert, seiner Andersartigkeit

Saarbrücken. Sie langweilt sich auf Partys der Kulturschickeria, wo klug dahergeschwätzt wird. Sie geht lieber zu Partys, bei denen dummes Zeug geredet, aber nicht unbedingt ernstgenommen wird. Ausgehen ist wichtig, dabei sein, Drogen probieren. Sie liebt eine Fotografin, ist aber auch am anderen Geschlecht interessiert, seiner Andersartigkeit. Sie entscheidet spontan, sich von einem Taxifahrer ihre Unschuld nehmen zu lassen. Anonymer Sex ist "doppelt geil". Nebenbei versucht sie, das Verhältnis zu ihrer Mutter zu klären, die an Drogen starb.

Sie ist 17 und die Hauptfigur in Helene Hegemanns Romandebüt, das Leben liegt noch vor ihr. Aber in ihrem Debüt erzählt Hegemann darüber auf eine Art, als läge ein großer Teil davon bereits hinter ihr. Hegemann möchte gern, ihrem Alter entsprechend, Rebellin sein. Das Dumme daran: Ihre Eltern waren schon Rebellen. Sie haben ihr den Aufstand weggenommen. Das ist unverzeihlich. Nun bleibt ihr nur noch "ein Leben jenseits aller gesellschaftlichen Vorgaben". Das aber so bunt und schräg wie möglich, man ist schließlich nur einmal jung.

Dieser autobiografische Roman macht heiter, aber auch traurig. Muss sich die Jugend schon so schrill zu Wort melden, um überhaupt noch gehört zu werden? Muss sie mit schwarzem Humor der galligsten Art kommen, um die Verzweiflung dahinter nicht allzu stark durchscheinen zu lassen? Die noch nicht mündige Autorin liefert eine ernste Wildheit, die in eine expressive Sprachgewalt drängt. Sie kann nicht anders, sie hat eine traumatisierte Kindheit hinter sich - und geht produktiv damit um. Wer in einem solchen Alter schon so schreiben kann, kann es weit bringen.

Mifti heißt die Ich-Erzählerin. Sie liebt, tanzt und kokst sich durch die Hauptstadtszene. Sie läuft in Turnschuhen herum, in kreativer Kleidung, also alles durcheinander, raucht viel, redet unentwegt und nur im Fäkal- und Fickjargon. Das kennt Hegemann von der Bühne. Ihr Vater, der Theaterdramaturg Carl Hegemann, der lange an der Berliner Volksbühne mit Frank Castorf zusammenarbeitete, hat die Figuren auch so reden lassen. Das ist die Sprachmelodie von Kleinkindesbeinen an. Sie wurde liberal erzogen, also überwiegend gar nicht, lebte mit der Mutter in Bochum bis zu deren Tod, danach beim Vater in Berlin. Da war sie 14, war durcheinander, es fehlte an verständnisvollen Gesprächspartnern. Sie schwänzte die Schule, bis der Direktor die Polizei einschaltete. Die holte die Halbwüchsige aus der Wohnung des Vaters heraus, von Einweisung in die Psychiatrie war die Rede. Sie schaffte doch noch den Realschulabschluss. Aber von sich erzählen kann sie nur literarisch.

Früh war Hegemann ein Wunderkind. Ihr erster kleiner Film, "Spaßvögel 1", die Geschichte eines Bombenlegers, fand die Aufmerksamkeit von Kritikern, war aber noch kein Durchbruch. 2007 wurde ihr Theaterstück "Ariel 15" in Berlin uraufgeführt. 2009 kam ihr Regiedebüt "Torpedo" bundesweit in die Kinos und wurde in der Kategorie "Mittellanger Film" mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Der schönste Satz darin: "Wer liebt, verlässt das Jahrhundert." 2009 war sie beteiligt an Nicolette Krebitz' Kurzfilm "Die Unvollendete", in dem sie sich in ein anderes Jahrzehnt hineindenkt, dort Susan Sontag (Jasmin Tabatai) trifft und Ulrike Meinhof (Sandra Hüller) traurig fragt: "Wo waren wir stehen geblieben?" Das brachte ihr den Vorwurf der Altklugheit ein.

Da hält sie mit ihrem Roman dagegen. Nichts sei vom Alter abhängig, nur Lebensinhalt zähle. "Man muss sich vom Skript des eigenen Lebens befreien", heißt es. Wenigstens diese Ausbruchsfantasie hat sich die 17-Jährige noch erhalten. In "Axolotl Roadkill" erzählt sie keine richtige Geschichte, es geht um Atmosphäre, um das Festhalten von Beobachtungen und Gedanken. Mifti mit ihrer Schwester in der "kapitalismuskompatiblen Kommune"; des Bruders Ma-tratzenlager; der gedankenabwesende Vater; die Gespräche am Küchentisch: Das alles ist manchmal zermürbend. Exzesse, um der Einsamkeit eins auszuwischen - sieht sie so aus, die Jugend in Deutschland 2010?

Helene Hegemann: Axolotl Roadkill. Ullstein, 208 S., 14,95 €

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