Experten: Politik ließ Saarbrücker Baudenkmal verkommen

Experten: Politik ließ Saarbrücker Baudenkmal verkommen

Die Millionen teure Komplettsanierung des früheren Kultusministeriums ist in Frage gestellt (die SZ berichtete). „Kleinkrämerisch“ nennt der Vorsitzende des Landesdenkmalrates, Henning Freese, jetzt die Erwägungen für einen Teilabriss. Er fordert die Ministerpräsidentin auf, die vom Finanzministerium ausgehende Debatte sofort zu stoppen.

"Durch Nichtstun kann man Gebäude zerstören", das sagt der Vorsitzende des saarländischen Landesdenkmalrates Henning Freese - mit Blick auf die Vergangenheit wie die Zukunft. Frühere Landesregierungen sind nach Freeses Auffassung über Jahrzehnte ihren Eigentümer-Verpflichtungen gegenüber dem unter Denkmalschutz stehenden wichtigsten Bau-Zeugnis der französischen Nachkriegs-Zeit nicht nachgekommen. Der Architekt hält fest: "Seit Jahrzehnten ist dort keine Renovierung erfolgt. Man hat es verkommen lassen." Deshalb, so Freese, gebe es jetzt den hohen Sanierungsbedarf.

"Ein Vergehen"

Wie die SZ berichtete, ist für das seit April leer stehende Gebäude der Abriss des Bürohochhauses unter Erhalt der repräsentativen Gebäudeteile im Gespräch. Für die Komplettmodernisierung kursieren unbestätigte Kostenschätzungen zwischen 16 und 40 Millionen Euro.

Freese befürchtet Untätigkeit des für die Immobilie zuständigen Finanzministeriums und sieht darin ein "Vergehen am kulturellen Erbe unseres Landes". Der Denkmalrats-Vorsitzende kann nicht nachvollziehen, warum, trotz zweier Gutachten, weder Sanierungskonzepte noch Kostenpläne vorliegen. Nun verschärfe sich die Situation: "Leerstand ist zerstörerisch. Irgendwann kann man das Gebäude wirklich nur noch abreißen. Ich nenne das Konkursverschleppung". Freese erwägt eine Dringlichkeitssitzung des Rates und kündigt einen Offenen Brief an. Er sieht die Ministerpräsidentin in der (Bekenntnis-)Pflicht. Sie habe die Weiternutzungs-Idee eines deutsch-französischen Institutionenhauses entwickelt. Deshalb müsse sie umgehend die von der Finanzverwaltung ausgehende Debatte um einen Teilabriss stoppen: "Ich erwarte, dass Annegret Kramp-Karrenbauer öffentlich eingreift."

Freese ist davon überzeugt, dass auch Finanzminister Stephan Toscani (CDU ) für eine Komplettsanierung votiert. Doch es gebe in dessen Haus auch eine starke Abriss-Fraktion. Deren Modell einer kleinen, Geldbeutel schonenden Rettungslösung für das Pingusson-Denkmal hält Freese für einen nicht akzeptablen "faulen Kompromiss". Die Besonderheit der Architektur liege in der mehrteiligen geometrischen Gliederung (Wohnen, Repräsentation, Arbeiten). Sie dürfe nicht zerstückelt werden, um einen vermeintlich schwerer modernisierbaren Teil - den Büro-Trakt - los zu werden. Freese: "Es wäre ein dramatischer Verlust". Er bezeichnet das Ensemble als ein "markantes Wahrzeichen für die Stadt", es sei "kulturhistorisch und für die politische Geschichte des Landes einzigartig". Denn es gebe aus der französischen Nachkriegszeit nichts Vergleichbares.

Aus rein finanziellen Gründen für Abriss zu plädieren, enthüllt nach Freeses Auffassung eine "kleinkrämerische und kleingeistige Haltung". Er hält es für absurd, wenn eine Regierung, die eine Frankreich-Strategie ausgerufen habe, nun das Infragestellen des dafür am meisten symbolträchtigen Bauwerkes zulasse.

Zum Thema:

Auf einen BlickDer Corbusier-Freund Georges-Henri Pingusson (1894-1978) zählt in Frankreich zu den Meisterarchitekten. Gouverneur Grandval holte ihn in seine Wiederaufbau-Equipe im Saarland, das den Anschluss an die europäische Moderne finden sollte. Es ging um die "Auslöschung des preußischen Geistes". Pingusson entwickelte bis 1949 die später gescheiterte Stadtplanung für Saarbrücken . Realisiert wurde ein einziges Gebäude , die Französische Botschaft (1951-1954), die nach der Rückgliederung ab 1960 Sitz des Kultusministeriums wurde. Dem achtgeschossigen Scheiben-Hochhaus für die Verwaltung schließt sich eine niedrigere Dreiflügelanlage mit Ehrenhof an (Wohnen und Repräsentieren). Den prunkvollen großzügigen Eindruck unterstreichen kostbare (Naturstein-)Materialien und die lichtdurchflutete Empfangshalle mit Durchgang zum Park. Zeitgenossen sprachen von "Grandvalhall". ce