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Comeback als menschlicher Politiker
Ex-Präsident Hollande gibt den Anti-Macron

PARIS François Hollande hatte in seiner Amtszeit viel Hohn und Spott zu ertragen. Als unbeliebtester Präsident der Nachkriegszeit schied er vor gut einem Jahr aus dem Amt.

Umso mehr kostet der 63-Jährige nun die neue Popularität aus, die mit der Veröffentlichung seines Buches „Leçons du pouvoir“ (Lektionen der Macht) einhergeht. Überall, wo der Sozialist sein Werk signiert, stehen hunderte Menschen Schlange. In den großen Buchhandlungen von Paris ebenso wie in den Supermärkten der Provinz. Rund 130 000 Exemplare seines Buchs wurden gedruckt, das bereits in die sechste Auflage geht.


Die Menschen wollen nicht nur eine Unterschrift. Sie wollen auch mit ihm reden. Über die Attentate des Jahres 2015, die Krise in Europa. Und Hollande gibt den Politiker zum Anfassen. Den „normalen Präsidenten“, nach dem sich nach einem Jahr der abgehobenen Präsidentschaft von Emmanuel Macron schon einige zurückzusehnen scheinen. „Die Politik der traditionellen Art“ verkörpere er mit diesem Austausch, sagt er selbst. Also die direkte Begegnung statt der Inszenierung in den sozialen Netzwerken. Das Gegenteil seines Nachfolgers.

Hollande hatte seinen politischen Ziehsohn erst als Berater und dann als Minister an seine Seite geholt. Bis der 40-Jährige seinen Mentor verriet und selbst das Präsidentenamt anstrebte. Kurz darauf verzichtete Hollande auf eine Kandidatur. Die Geschichte der beiden Männer könnte den Stoff für einen großen Roman liefern. Und auch wenn Macron und Hollande nicht mehr miteinander sprechen, erteilt der Ex-Präsident seinem Nachfolger  weiter Lektionen. Der Präsident kann kaum noch etwas tun, ohne dass sein Vorgänger es kommentiert. Macron kritisiert die Sozialhilfe, die „verrückt viel Kohle kostet“? Hollande spricht von einer „pöbelhaften“ Äußerung. Macron wird als „Präsident der Reichen“ beschimpft? Hollande legt noch drauf und bezeichnet ihn als „Präsident der Superreichen“.



Sorgfältig achtet der Sozialist dabei darauf, sich selbst in ein gutes Licht zu setzen. Der „menschliche“ Präsident im Gegensatz zum Technokraten Macron. „Es gibt andere Karrieren, die schneller vorankommen, aber nichts ersetzt die Beziehung mit den Franzosen, die durch kommunale Wahlen geschaffen wird“, sagt er der Zeitung „Le Figaro“. Denn anders als er, der frühere Bürgermeister der Kleinstadt Tulle, stellte sich Emmanuel Macron nie einer Wahl – außer für das Präsidentenamt.

Aufmerksam beobachtet der Ex-Präsident in seinem Büro in der Pariser Rue de Rivoli auch die Entwicklung seines Parti Socialiste, der nach seiner krachenden Niederlage im vergangenen Jahr in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Die Schuld am Niedergang sieht er weniger bei sich, als in der internationalen Entwicklung, die überall in Europa die Sozialdemokraten verlieren lässt. Sein Umfeld versucht, ihn als Hoffnungsträger der Sozialisten zu präsentieren, denen er selbst das Grab schaufelte. Die Parteiführung will darüber aber nicht reden: „Hollande hat das Recht, ein Buch zu schreiben, um seine Bilanz zu verteidigen. Aber er kann nicht Akteur der Wiedergeburt des PS und der Linken sein“, sagt Schatzmeister Jean-François Debat der Zeitung „Libération“.

Der frühere Parteichef selbst schließt eine Rückkehr in die Politik nicht aus. „Ich fühle mich frei“, bekennt er. Ein Satz, der viele Türen offen lässt. Allerdings sollte Hollande bei seiner Zukunftsplanung nicht nur auf seinen Nachfolger, sondern auch auf seinen Vorgänger schauen: Auch Nicolas Sarkozy hatte nach seiner Amtszeit ein Buch geschrieben, das ein Erfolg wurde. Als Präsident wollten ihn die Franzosen dann aber nicht mehr sehen: Bei den parteiinternen Vorwahlen der Republikaner schaffte es „Speedy Sarko“ nur auf den dritten Platz.