EU investiert in Chip-Produktion

Brüssel · Europa soll in der Computerchip-Technologie den USA und Asien Paroli bieten. Die Chip-Herstellung soll sich auf etwa 20 Prozent der Weltproduktion verdoppeln. Dafür will Brüssel Milliarden in Mikro- und Nanotechnologie investieren.

Handy statt Arztbesuch: In den Entwicklungsabteilungen der Mobilfunk-Betreiber und Geräte-Bauer wird bereits eifrig an neuen Anwendungsmöglichkeiten getüftelt. Die Blutdruck-Messung per App, Übermittlung der Zuckerwerte - "wir denken da in sehr viele Richtungen", sagt der Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens, der angesichts der hohen Geheimhaltung dieser Pläne seinen Namen lieber nicht nennen will. Voraussetzung dafür seien aber "gravierende technische Fortschritte": "Wir setzen auf die Mikro- und Nanotechnologie."

In Brüssel hört man solche Pläne gerne. Neelie Kroes, die für Telekommunikations- und IT-Technik zuständige EU-Kommissarin, will die Unternehmen nicht alleine lassen: "Wenn anderswo massiv in Computerchips investiert wird, darf Europa nicht zurückstehen. Wir müssen unsere Stärken ausbauen", sagte sie gestern bei der Vorstellung einer neuen Strategie. Gut fünf Milliarden Euro will die EU zusammen mit den Mitgliedstaaten und Regionen investieren, um dadurch bis zu 100 Milliarden an weiteren privaten Geldern locker zu machen. Damit sollen die Weltklasse-Elektronik-Cluster in Dresden, dem niederländischen Eindhoven, dem belgischen Löwen und Grenoble in Frankreich ausgebaut werden. Es geht um billigere, schnellere und intelligentere Chips sowie Fortschritte in der Nano-Technologie.

Diese Wissenschaften (Nanos, griechisch: Zwerg) befassen sich mit der Herstellung und Untersuchung von Strukturen, die rund zehntausendfach kleiner sind als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Die extreme Verkleinerung führt zu Eigenschaften, die für viele technische und medizinische Anwendungen interessant sind. "Graphene" ist so ein Material. Es besteht aus einer Atomschicht dünnen, wabenförmigen Konstruktion, die 200 Mal stärker ist als Stahl, die höchste bekannte Wärmeleitfähigkeit besitzt und hervorragend Strom leitet. Ideal also für die Konstruktion einer neuen Generation von Akkus für mobile Geräte.

Mit der neuen Strategie sollen solche Projekte deutlich besser gefördert werden. Kommissarin Kroes: "Ich möchte, dass sich unsere Chip-Produktion auf etwa 20 Prozent der Weltproduktion verdoppelt. Ich möchte, dass Europa mehr Chips in Europa produziert als die Vereinigten Staaten im eigenen Land. Das ist ein realistisches Ziel, wenn wir unsere Investitionen richtig lenken." Die europäische Anschubfinanzierung soll dafür sorgen, dass Mikro- und Nano-Elektronik für die Schlüsseltechnologien in der Gemeinschaft besser und schneller verfügbar sind. Außerdem sollen die Zugangsmöglichkeiten zu den Ergebnissen dieser Forschung auch für kleine und mittlere Unternehmen massiv gefördert werden.

Die Initiative der Kommission ist allerdings umstritten. In der Vergangenheit hatte das Europäische Parlament mehrfach Produkte, die mit Hilfe von Nano-Technologie hergestellt worden waren, eher kritisch beurteilt. Denn die kleinen Teilchen kommen nicht nur bei technischen Entwicklungen, sondern auch bei Textilien und kosmetischen Präparaten zum Einsatz - mit bisher weithin unbekannten Wirkungen auf Menschen. Deshalb gilt seit einigen Jahren auch eine strikte Kennzeichnungspflicht.

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HintergrundDas Göttelborner Nanotechnologie-Unternehmen Nanogate stockt seine Mehrheitsbeteiligung an der Schwäbisch-Gmünder GfO AG (Gesellschaft für Oberflächentechnik) auf. Der Anteil an dem Kunststoff-Spezialisten steigt von 51 auf 75 Prozent plus eine Aktie, teilte Nanogate gestern mit. Besondere Wachstumschancen sieht das Unternehmen bei Kunststoffen mit glasähnlichen Eigenschaften. red