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„Es müsste mehr Theater für mehr Menschen geben“

Schneider:. Welche Rolle spielt Theater für die Bildung eines Menschen – darum ging es am Donnerstag beim „Theaterpädagogischen Tag“ des Saarbrücker Kinder- und Jugendtheaters Überzwerg. Als Referent eingeladen war unter anderem Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildesheim. Er fordert eine gesellschaftliche Öffnung des Theaters. SZ-Redakteur Johannes Kloth hat mit ihm gesprochen.

Sie haben über "Theater als kulturelle Bildung" gesprochen. Ist es nicht ein Allgemeinplatz, dass Theater kulturell bildet?

Schneider: Theater hat in der Tat seit dem späten 18. Jahrhundert einen Bildungsauftrag. Es ist aber heute wichtig, glaube ich, nochmal deutlich zu machen, was das genau bedeutet. Das, was den Zuschauer fordert - das Spiel der Schauspieler, das Dekodieren dieses Zeichensystems, den Geschichten zu folgen - das sind Kompetenzen, die man heutzutage braucht. Sie alle sind Bestandteil einer kulturellen Bildung.

Diese Bildung ist auch notwendig, um später von der Kultureinrichtung Theater zu profitieren, es zu begreifen als Ort gesellschaftlicher Selbstreflexion…

Leider ist Theater das immer weniger, weil es sich stark abgekapselt hat. Die Stadt- und Staatstheater verlieren immer mehr Zuschauer, die Zuschauer werden zudem immer älter. Obwohl die Politik mittlerweile zugesteht, dass wir ein Zuwanderungsland sind, ist das Theater noch immer altmodisch, traditionell und klassisch - mit einer Ausnahme: das Kinder- und Jugendtheater. Nirgendwo in den Künsten wird die Breite der Bevölkerung so repräsentiert wie im Kinder- und Jugendtheater.

Die Staats- und Stadttheater sind die größten Subventionsempfänger im Kulturbereich. Müssten sie nicht mehr tun, um mehr Menschen zu erreichen?

Schneider: Das Recht auf Teilhabe, das Recht auf Kunst und Kultur ist nicht nur ein Kinderrecht, sondern auch als allgemeines Menschenrecht zum Beispiel in der Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt festgehalten. Ja, ich behaupte: Es müsste in Deutschland, auch im Saarland, mehr Theater für mehr Menschen geben. Das ist in Zeiten von Haushaltskonsolidierungen eine Frage der Akzentsetzung, eine Frage von Kulturentwicklungsplanung. Die Kernfrage ist für mich aber: Wie schaffen wir es, die Jungen und Jüngsten über das Theater in die Gesellschaft zu integrieren?

Eine bewährte Form, Kinder ans Theater heranzuführen, ist das alljährliche Weihnachtsstück. Kritiker dagegen sagen, es gehe nur darum, das Theater zu füllen.

Schneider: Das ist eine fatale Situation: Die Theater müssen sich in einen Wettbewerb begeben, weil sie der Politik Kennzahlen nachweisen müssen. So sind die Weihachtsmärchen letztlich natürlich ein öknomischer Faktor, sie generieren Einnahmen und garantieren grandiose Auslastungszahlen. Es ist ja mittlerweile so, dass Lehrer schon zu Beginn eines Schuljahrs überlegen, in welches Weihnachtsstück sie dieses Jahr gehen. Und die Theater wären natürlich falsch beraten, dieses Interesse nicht aufzugreifen. Allerdings ist die Frage, wie sie das tun. Und ob es nicht bitteschön ein bisschen mehr sein kann als das Übliche - getreu dem Prinzip des Kindertellers im Restaurant: "Halber Preis, halbe Portion". Was die Qualität vielerorts angeht, sehe ich noch deutlich Luft nach oben. Ich habe nichts grundsätzlich gegen das Weihnachtsstück. Sofern die Kinder als Zuschauer ernst genommen werden, sofern Ensemble, Orchester, Ballett ein wahres Schauspiel abgeben.