| 00:00 Uhr

„Es gibt kein Recht auf Überempfindlichkeit“

Wadgassen. Nach dem Anschlag auf die Redaktion des Pariser Magazins „Charlie Hebdo“ wird intensiv darüber debattiert, wie weit Satire gehen darf. Die Frage war nun auch Thema einer Diskussion im Wadgasser Zeitungsmuseum. Oliver Schwambach

Sind alle noch Charlie? Gut zwei Monate nach den Pariser Anschlägen kommt das "Je suis Charlie" vielen nicht mehr so fix über die Lippen. Nicht, weil Bestürzung und Mitgefühl gewichen wären, mittlerweile hat sich aber eine intensive Debatte entwickelt, ob Satire gerade auch in westlich freien Staaten nicht doch Grenzen finden muss. Dem ging nun am Mittwochabend auch eine Diskussion im Wadgasser Zeitungsmuseum nach - mit dem Fokus auf der Karikatur. Vor, generös geschätzt, 50 Gästen; kurz nach den Attentaten wäre der Saal in Wadgassen wohl zu klein gewesen.

SR-Moderator Thomas Bimesdörfer (der Sender strahlt die Aufzeichnung am 1. Mai, 19.15 Uhr, auf SR2 aus) wollte denn mit Tucholsky wissen, was Satire darf. Dabei hatte jener, der übrigens Jura studiert hat, die Frage schon vor 100 Jahren so knapp wie klar beantwortet: "Alles". Seine heutige Berufskollegin holte zur Replik deutlich weitschweifender aus. Justiz-Staatssekretärin Anke Morsch (SPD ) betonte zwar die "Freiheit der Kunst", die "schrankenlos" sei, es sei denn, es gebe eine "kollidierende Verfassungsgesetzgebung" - etwa den Schutz der Persönlichkeit betreffend. Aber, so Morsch, "eine ethische Vorsicht ist vielleicht nicht schlecht". Im Zeitalter der Internet-"Fernwirkung" erreichten Karikaturen schließlich alle Welt, somit auch Menschen, die sich in ihrem religiösen Empfinden verletzt fühlen könnten.

Dem widersprach der Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung , Peter Stefan Herbst, vehement. Gewiss gebe es geschmacklose Satire , doch die mögliche Reichweite von Karikaturen dürfe kein Anlass sein, ohne Not Abstriche an unserer Meinungs- und Pressefreiheit zu machen. SR-Chefredakteur Norbert Klein bekräftigte dieses Plädoyer: "Es gibt kein Recht auf Überempfindlichkeit."

Ohnehin, das machte Karikaturist Burkhard Mohr (Süddeutsche, Saarbrücker Zeitung ) deutlich, respektiere er Grenzen. Die Homosexualität einer Person etwa wäre für ihn nie Thema einer satirischen Zeichnung. Fehlenden Biss muss man deshalb aber nicht gleich fürchten. Denn die Karikatur, so Zeichner Bernd A. Skott (Berliner Zeitung , Rheinpfalz), könne in der Tat vieles, aber gewiss nicht "ja, aber sagen". Das Abwägen ist ihre Sache nicht; zum Glück.