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Es begann mit Zigarrendrehern

Saarbrücken. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) wächst im Saarland wieder. Die Mitgliederzahlen steigen. Am Samstag wird Jubiläum gefeiert. Vor 150 Jahren wurde der erste Vorläufer der heutigen NGG gegründet. Janek Böffel

Noch heute sitzt er da auf seinem Schemel, die Schürze umgebunden und den Kopf tief über ein Buch geneigt. Der Vorleser, der einst den Zigarrendrehern laut lesend die Zeit vertrieb. Und auch wenn es im Saarland gar keine Tabakindustrie mehr gibt, so hält auch die saarländische Sektion der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) den Vorleser auf einem großen Plakat in ihrer Geschäftsstelle in Ehren. Waren es doch die Zigarrendreher, die vor 150 Jahren mit ihrem Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Verein die Grundlagen legten. Sie hatten sich 1865 als erste zentrale deutsche Gewerkschaftsorganisation gegründet, im Kampf um eine Verkürzung der Arbeitszeit, für höhere Löhne und mehr Arbeitnehmerrechte. "Deshalb erinnern wir uns gerne an den Vorleser, auch wenn hier niemand mehr in der Tabakindustrie arbeitet", sagt Mark Baumeister, Geschäftsführer der NGG Saar.

Wenig später, 1868, gründete sich der Allgemeine Deutsche Bäckerverein, es folgten Zusammenschlüsse der Böttcher, Kellner und Brauer. Doch bis zu Zusammenschluss der vielen Einzelgewerkschaften dauerte es noch. Die folgenden Jahre waren geprägt von Fortschritten wie dem ersten Tarifvertrag der Brauer in Stuttgart 1892, aber auch von vielen Rückschlägen, wie dem Verbot der mit Sozialisten und Sozialdemokraten verbundenen Gewerkschaften 1878 unter Bismarck. Doch über all die Jahre wuchsen die Gewerkschaften weiter. Und 1927 schlossen sich vier Einzelgewerkschaften der Nahrungsmittelbranche zusammen. Der Grundstock der NGG war endgültig gelegt. Doch sehr bald war die Geschichte der Gewerkschaft jäh unterbrochen. Die Nationalsozialisten zerschlugen die Gewerkschaften, führende Mitglieder kamen in die Konzentrationslager. Die Gleichschaltung erfasste auch die heutigen NGG-Branchen.

Nach dem Krieg hatte das Saarland eine Vorreiterrolle. Am 23. Dezember 1945 gründete sich der Verband der Nahrungs- und Genussmittelarbeiter an der Saar. "Damals ging es vor allem um die Sicherung der Nahrungsmittelproduktion, aber auch um klassische Themen wie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit", sagt Baumeister. Vier Jahre später, im Mai 1949, gründete sich auf einem Vereinigungsgewerkschaftstag auch bundesweit die NGG, der sich nach Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik die saarländischen Gewerkschafter anschlossen.

Heute hat die NGG im Saarland mehr als 3000 Mitglieder. Sie vertritt vor allem Beschäftigte aus der Nahrungsmittelbranche, der Gastronomie und dem Hotel- und Gaststättengewerbe. "Wir sind wieder stabil aufgestellt", sagt Baumeister. Vor einigen Jahren war die Talsohle bei den Mitgliederzahlen erreicht - nach den großen Schließungen in der saarländischen Milchwirtschaft und Fleischindustrie. "Den Tiefstand hatten wir bei 2350 Mitgliedern, aber wir sind wieder stetig gewachsen. 2013 hatten wir sogar 475 Neuzugänge."

Dabei musste sich auch Baumeister, vorher als Gewerkschafter bei der IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE), an die Arbeit bei der NGG gewöhnen: "Das ist schon ein bisschen Wild-West hier. Im Moment beschäftigen wir uns häufig mit möglichen Verstößen gegen den Mindestlohn." Zwar arbeitet ein beträchtlicher Teil der Mitglieder in der Industrie, doch gerade in der Gastronomie herrsche ein Flickenteppich von Verträgen, und bei der gewerkschaftlichen Organisation sei noch viel Luft nach oben, sagt Baumeister. So will die NGG in diesem Jahr vor allem in dieser Branche um neue Mitglieder werben. "Wir wollen uns auf die Saarbrücker Innenstadt konzentrieren und vor allem am St. Johanner Markt auf die Beschäftigten in der Gastronomie zugehen und dort verstärkt sichtbar werden."

Die Gewerkschaft NGG Saar feiert am Samstag, 14 Uhr, ihr 150-jähriges Bestehen mit einem Empfang in den Räumen der Industriekultur Saar in Quierschied-Göttelborn (Boulevard der Industriekultur 1).