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Erinnerungen als Inspirationsquellen

Ein Spielzeug aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Foto: Literaturarchiv
Ein Spielzeug aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Foto: Literaturarchiv FOTO: Literaturarchiv
Saarbrücken. Zur Finissage der Schau „Jedermannskrieg“ im Saar-Lor-Lux-Literaturarchiv wird heute Abend ein Projekt vorgestellt, das die gezeigten Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg Texten von Nelia Dorscheid gegenüberstellt. Johannes Kloth

Die Frage, wie Geschichte beschrieben werden soll, beschäftigt Menschen seit der Antike. Immer wieder geht es dabei vor allem um das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit. Heute ist "Objektivität" selbst unter Historikern eine längst überholte Kategorie. Auch in der Literatur, die ohnehin naturgemäß ein eher lockeres Verhältnis zur historischen Realität hat, sind nach der Epoche der großen historischen Romane des 19. Jahrhunderts die Grenzen zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen über Geschichte zunehmend verwischt.

Eben in diesem Kontext ist das heute endende Literatur- und Ausstellungsprojekt "Jedermannskrieg" zu sehen, mit dem sich das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass am Gedenkjahr zum Ersten Weltkrieg beteiligt hat. Die Saarbrücker Schriftstellerin Nelia Dorscheid ließ sich von Alltagsobjekten aus der Zeit des "Grande Guerre" inspirieren zu "historischen Miniaturen, die auf je eigene Weise Mechanismen und Möglichkeiten des Narrativen sichtbar machen", wie Archivleiter Sikander Singh im nun erschienenen Buch zur Ausstellung schreibt, das heute Abend in Dudweiler vorgestellt wird. Es ist ein liebevoll gestalteter Band, der die betreffenden Objekte - von der Frontpostkarte über die Spielzeug-Eisenbahn bis zum Kaffeeservice mit Kaiser-Wilhelm-Emblem - großformatig in Szene setzt und Dorscheids poetischen Texten gegenüber stellt.

Die Gegenstände stammen aus Privathaushalten der Region, oft sind familiär tradierte Erinnerungsgeschichten mit ihnen verbunden. Über die Herausforderung, diese Erinnerungen nicht bloß zu dokumentieren, sondern "sich von ihnen inspirieren zu lassen: die Dinge zurückzuverfolgen, bis an einen Ort, der sie aufnimmt - den sie aufnehmen", berichtet Dorscheid in ihrem Essay "Vom Schreiben über den Krieg: Lob des Vergessens". Ergänzt wird der Band durch einen Beitrag von Hermann Gätje. Der Literaturwissenschaftler durchforstete das Archiv auf Nachlässe von Schriftstellern der Region, für die der Erste Weltkrieg zur prägenden Erfahrung wurde. Mit Gustav Regler , Oskar Wöhrle und Norbert Jacques hat Gätje drei Persönlichkeiten ausfindig gemacht, die sich ebenso in ihrer literarischen Arbeit wie in ihrer politischen Haltung stark unterschieden. Ein spannender Einblick in Tiefen des Archivs, der erahnen lässt wie viele (ungehobene) literaturwissenschaftliche Schätze dort schlummern.

"Jedermannkrieg. Objekte und Erinnerungen. 1914-2014", hrsg. von Nelia Dorscheid und Sikander Singh, Universaar/Illimité, 109. S., 29,80 Euro.

Buchvorstellung heute, 18.30 Uhr, zur Finissage der Ausstellung "Jedermannskrieg" im Archiv, Beethovenstraße Zeile 6, Dudweiler. Der Eintritt ist frei.