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Erinnern an vergessene Schlachten

Nancy. Geht es um den Ersten Weltkrieg, denkt man vor allem an die Schlacht von Verdun. Aber welche entscheidende Rolle Lothringen bereits im Sommer 1914 spielte, zeigt eine Schau in Nancy bis zum 21. September. Von SZ-RedakteurinSophia Schülke

1914 zog man von Rachegelüsten getrieben in den Krieg und lieferte sich bei Verdun die blutigste Schlacht dieses großen Gemetzels - auch hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kursiert noch mancher Irrglaube über den Großen Krieg. Mit einigen davon will die Ausstellung "Sommer 1914, Nancy und Lothringen im Krieg" aufräumen. Und tatsächlich birgt die Schau in Nancys Musée Lorrain manche Überraschung.

In fünf Bereichen werden verschiedene Aspekte des Kriegsbeginns in Lothringen beleuchtet: Von 1870 an wird ein Bild des historisch-politischen Kontextes gezeichnet, dann veranschaulichen die Exponate Mobilmachung und Kämpfe in Lothringen, zudem zeichnen künstlerische Darstellungen ein Bild der Schlachten aus Sicht der Zeitgenossen, Erinnerungen des kollektiven Gedächtnisses schließen die Schau. Ausgestellt sind rund 200 Exponate: Gemälde, Fotos, Radierungen, Fronttagebücher, Uniformen, Waffen, Ausrüstung und Zeitungen.

Die Schau bereitete man zwei Jahre lang vor, konzipiert wurde sie unter Leitung von Professor Gerd Krumeich. Der Romanist und Historiker lehrte vor seiner Emeritierung an der Freiburger und der Düsseldorfer Universität. Krumeich erklärt, dass Lothringen gleich zu Beginn des Krieges - also bereits zwei Jahre vor der Schlacht von Verdun - eine wichtige Rolle spielte: "Ab August kam es zu schweren Grenzkämpfen, welche besonders für Frankreich sehr verlustreich waren und den Deutschen suggerierten, dass die Franzosen bereits stark angeschlagen waren." Lothringen - es hatte während des Dreißigjährigen Krieges verheerende Verwüstungen und Bevölkerungsdezimierungen erlitten und war auch während des Deutsch-Französischen Krieges stark umkämpft - wurde erneut zum äußerst blutigen Hauptkriegsschauplatz. Tatsächlich fielen und verschwanden in den Grenzschlachten von August und September 1914 im Monat rund 100 000 französische Soldaten. Mehr als in der Schlacht von Verdun (Februar bis Dezember 1916): Pro Monat waren es hier 70 000. "Auch wenn die Grenzschlachten, auf den Monat gerechnet, verlustreicher waren als die Schlacht bei Verdun, werden sie viel weniger erinnert", erklärt Museumskonservatorin Lisa Laborie-Barrière. Dazu beigetragen habe auch die Umstellung der Kriegstaktik: Nach den Grenzschlachten hob man Schützengräben zur Deckung aus, die exemplarisch für die zudem viel längere Schlacht von Verdun werden sollten.

Die Schau erinnert zudem das überhitzte Klima vor Kriegsausbruch und die trügerischen Erwartungen der Soldaten an einen heroischen Mann-gegen-Mann-Krieg mit Waffen aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges. Sie zeigt aber auch, dass sich das Revanchegehabe beiderseits des Rheins zwischen 1907 und 1910 abschwächte. Und dass es - mit dem Motiv des französischen Verlustes von Elsass-Lothringen - von der Propagandamaschinerie nicht unmittelbar vor, sondern während des Krieges befeuert wurde. Ein weiterer spannender Aspekt sind die Folgen der deutschen Annextion von 1871: Viele Franzosen wanderten aus den besetzten Gebieten ab und so verlor das deutsche Metz viele seiner französischen Bürger, während das französische Nancy seine Bevölkerung verdoppeln konnte. Und so kamen viele Künstler nach Nancy und prägten etwa auch den erblühenden Jugendstil mit.

Kleiner Wermutstropfen: Ein Jahr nach dem großen Elysée-Jubel sind zwar die einleitenden Infotexte der Ausstellungskapitel in Deutsch, nicht aber die Texte zu den Exponaten. Aber dafür können des Französischen nicht Mächtige die Schau mit deutschem Audioguide (1 Euro) erkunden.

Bis zum 21. September. Täglich 10 - 12.30 Uhr, 14 - 18 Uhr, montags geschlossen. Ostermontag und Pfingstmontag geöffnet, 1. Mai und 14. Juli geschlossen. Infos unter Telefon +33 (0)3 83 32 18 74 oder www.musee-lorrain.nancy.fr.