Istanbul: Erdogans neuer Rivale heißt Imamoglu

Istanbul : Erdogans neuer Rivale heißt Imamoglu

Geht die Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul am Sonntag für den türkischen Präsidenten und seine AKP nach hinten los? Beim TV-Duell kann der Oppositionskandidat jedenfalls erneut punkten.

Sie schauten auf öffentlichen Großleinwänden, in Kneipen und zu Hause vor dem Fernseher: Millionen Istanbuler haben vor der Wiederholung der Oberbürgermeisterwahl in ihrer Stadt ein dreistündiges Fernsehduell der beiden Hauptkandidaten verfolgt. In der recht trägen Diskussion wurde Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu, der in den Umfragen vorne liegt, der Favoritenrolle gegenüber seinem Rivalen Binali Yildirim gerecht: Imamoglu ist kurz vor der Wahl am kommenden Sonntag auf der Siegerstraße, da sind sich viele Beobachter nach der Live-Sendung sicher. Er wird damit zum neuen politischen Hauptgegner von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der inzwischen selbst die schlechten Aussichten für seinen Kandidaten Yildirim einräumt.

Imamoglu hatte die reguläre Kommunalwahl in Istanbul am 31. März knapp gegen Yildirim gewonnen und war damit über Nacht zum Shooting Star der türkischen Politik geworden. Auf Druck der AKP ordnete die Wahlkommission eine Neuauflage des Urnengangs für den 23. Juni an. Eine erneute Niederlage der AKP in der mit Abstand größten und reichsten Stadt der Türkei würde Erdogans Macht erheblich erschüttern.

Yildirim, der bisher im Wahlkampf recht farblos blieb, konnte den schlagfertigen Imamoglu vor den Live-Kameras nicht stoppen. Keiner der beiden Kandidaten konnte einen entscheidenden K.o.-Schlag setzen. Yildirim hätte einen solchen Durchbruch gebraucht, um wieder in die Offensive zu kommen. Doch der 63-jährige Yildirim musste in der Debatte unter anderem einräumen, dass er einen Bericht des türkischen Rechnungshofes über millionenschwere Unregelmäßigkeiten in der bisherigen AKP-Stadtverwaltung nicht gelesen habe.

Die Zuschauer des TV-Duells hätten nichts Neues erfahren, schrieb der angesehene Journalist Murat Yetkin nach der Sendung. Die Redeschlacht werde an der Wahlentscheidung der Istanbuler nichts ändern. In den meisten Umfragen hat Imamoglu einen Vorsprung von mehreren Prozentpunkten vor Yildirim, obwohl dieser die meisten großen Medien auf seiner Seite hat.

Imamoglu, der früher Bürgermeister des Istanbuler Stadtbezirks Beylikdüzü war, hat es nicht zuletzt der unabsichtlichen Hilfe von Erdogans Partei AKP zu verdanken, dass er zum Hoffnungsträger der Opposition in der ganzen Türkei geworden ist. Die höchst umstrittene Entscheidung zur Wiederholung der Bürgermeisterwahl hat dem 49-Jährigen einen Opferstatus verschafft, den er geschickt einsetzt.

Zudem kann der fromme Muslim Imamoglu trotz der stark polarisierten Wählerschaft sehr unterschiedliche Gruppen erreichen. Dazu gehören die Anhänger seiner eigenen säkulären Partei CHP ebenso wie konservative Istanbuler und kurdische Wähler. Imamoglus politisches Talent wird bereits mit dem des heutigen Staatspräsidenten Erdogan verglichen, der in den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt der AKP im Jahr 2002 mit einer pragmatischen Haltung, politischen Reformen und Botschaften der Toleranz erfolgreich war. Im Wahlkampf vor der regulären Wahl im März war Imamoglu noch weitgehend unbekannt – so unbekannt, dass er von der AKP nicht als Gefahr wahrgenommen wurde. Umso größer war der Schock in der Regierungspartei, als Imamoglu im ersten Rennen gegen Yildirim siegte.

Diesmal nimmt die AKP den Herausforderer wesentlich ernster. Politiker der Regierungspartei und regierungstreue Medien attackieren Imamoglu, um seine Popularität zu unterminieren. So verbreiteten AKP-Politiker das Gerücht, Imamoglu sei griechischer Abstammung und suggerierten damit, dass er ein vom feindlichen Ausland gesteuerter Kandidat sei. Die Kampagne ging für die AKP allerdings nach hinten los, weil der Vorwurf gegen Imamoglu auf seiner Herkunft von der Schwarzmeerküste beruhte, der früheren Heimat der so genannten Pontus-Griechen. Das Problem für die AKP: Hunderttausende Istanbuler, die wie Imamoglu vom Schwarzen Meer stammen, fühlten sich ebenfalls angegriffen.

Dass auf diese Weise die AKP-Wähler massenhaft an die Urnen gebracht werden können, ist unwahrscheinlich. Auch Erdogan selbst hat offenbar seine Zweifel. Bei einer Rede vor Wirtschaftsvertretern verwies Erdogan darauf, dass seine AKP den Istanbuler Stadtrat und die meisten Stadtbezirke beherrsche. Bei der Wahl am Sonntag gehe es nur um eine „Schaufensterdekoration“.

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