Eine Stradivari auf der Flucht?

Eine Stradivari auf der Flucht?

Ein temperamentvolles Frühwerk von Ligeti, ein kompromissloses Violinkonzert von Herbert Willi und Berlioz' „Symphonie fantastique“ waren am Freitag in der Congresshalle Saarbrücken zu hören.

Dass Jennifer Koh, die Solistin der 2. DRP-Soiree, ihre wertvolle Geige im Zug vergaß, machte Schlagzeilen (wir berichteten). Doch nach dem Anhören des Violinkonzertes "Sacrosanto" von Herbert Willi in der Congresshalle drängte sich ein ketzerischer Gedanke auf: Die Stradivari wurde gar nicht vergessen - sie hatte sich versteckt. Vor dem, was der Komponist ihr in seinem Opus zumutet. Unisono-Morsezeichen des Orchesters im Fortissimo, zwischen die die Sologeige mit äußerster Kraft Melodiefragmente zu zwängen hatte, zum Teil in alpiner Höhe, exzentrische Intervallsprünge und Doppelgriffe, mit denen sie immerhin ihr technisches Können zeigen konnte. Reizvoll dagegen ein Sätzchen für Pizzicati der linken Hand. Positiv gesagt: Respekt vor einem Komponisten, der nach Publikumserfolgen wie "Für 16" und "Räume" hier viele für gültig gehaltene musikästhetische Begriffe kompromisslos über den Haufen wirft. Denn was in Geigerin und Geige steckt, wurde erst bei der Zugabe aus Ysaÿes op. 27 deutlich.

Dagegen hatte es die Konzertmeisterin Dora Bratchkova leichter. Die Violinsoli im einleitenden "Concert Românesc" für Orchester von Ligeti, mit kompositorischem Kalkül aus Zigeunerblut und rumänischer Folklore gemixt, entsprachen genau ihrem Temperament und ihrer geigerischen Bravour.

Hatten der junge Gastdirigent Joshua Weilerstein mit fein nuancierter Zeichengebung und die gut disponierte Radiophilharmonie schon hier Musizierfreude bewiesen, so stellten sie in der "Symphonie fantastique" von Berlioz noch weitere Facetten kontrastierend gegeneinander. Die fiebrige Überspanntheit des Liebeskranken, der Dialog zweier Hirten in einsamer Landschaft, das Dies irae und der schmetternde Aufprall des Fallbeils wurden in den grellen Farben und Gesten dieser Musik aufgespürt. Bravorufe, Beifall, Blumen.