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Eine Stimme für Europa

Meinung. Nicht einmal jeder zweite Bundesbürger weiß heute schon, was er am Sonntag, den 7. Juni, machen wird: wählen. Erschreckender kann politisches Unwissen kaum sein: Europa wählt seine Volksvertretung und kaum jemand geht hin. Als könnten uns Finanzmarkt-Krise, Klimaschutz oder warme Heizungen im kommenden Winter kalt lassen. Wahlmüdigkeit greift um sich - und keiner weiß, warum Von Detlef Drewes

Nicht einmal jeder zweite Bundesbürger weiß heute schon, was er am Sonntag, den 7. Juni, machen wird: wählen. Erschreckender kann politisches Unwissen kaum sein: Europa wählt seine Volksvertretung und kaum jemand geht hin. Als könnten uns Finanzmarkt-Krise, Klimaschutz oder warme Heizungen im kommenden Winter kalt lassen. Wahlmüdigkeit greift um sich - und keiner weiß, warum. Dabei haben die Bürger dem so oft geschimpften "Brüssel" viel zu verdanken: sinkende Kosten für Mobilfunk-Gespräche im Urlaub, mehr Sicherheit bei Waren und Produkten, Medikamente für schwer kranke Kinder - die Liste ließe sich lange fortsetzen. Doch solche Erfolge werden gerne von den Mitgliedstaaten vereinnahmt, während man die Probleme und Misserfolge wie in eine Art "Bad Bank" nach Brüssel auslagert. Manch ein Minister, der noch zwei Stunden zuvor im EU-Ratsgebäude die Hand für einen Beschluss gehoben hat, schimpft unmittelbar nach der Landung zu Hause auf die Gemeinschaft, weil es parteitaktisch opportun scheint. Zu beobachten ist der Verlust des Gefühls, dass ein europäischer Kompromiss immer auch ein Mosaikstein zur Einigung von Staaten ist, die sich noch bis vor wenigen Jahren mit Panzern und Bombern bedrohten. Dabei bedeutet die Union trotz aller nationaler Eifersüchteleien bei der Verteilung von Fördergeldern mehr, als das Glühbirnen-Verbot oder Euro-V-Abgasnorm vermuten lassen. Europa ist ein politischer, ja historischer Leitgedanke, der Frieden und Sicherheit garantiert, weil er allen Mitgliedern Wohlstand und Zukunft verspricht. Wer das mit Details aus dem politischen Alltag bestreitet, möge den Blick nach außen richten, wo sich instabile, junge Demokratien nach dem "Paradies Europa" recken. Das wirklich harte Wort des luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker trifft den Kern: Wer an Europa zweifelt, sollte öfters Soldatenfriedhöfe besuchen. Die Gemeinschaft mit Stimmenthaltung abzustrafen, beschwört eine wirklich Gefahr herauf: Ohne europäische Einigung wäre jeder einzelne Mitgliedstaat ein leichtes Opfer von Globalisierung und nach wie vor lebendigem Großmachtstreben. Natürlich ist europäische Politik im Alltag schwerer nachzuvollziehen als die nationale Innenpolitik. Dass man mit dieser EU nicht zufrieden sein kann, dass die Strukturen verkrustet und überholungsbedürftig sind und dass man mehr prägnante Köpfe in Straßburg und Brüssel braucht, die eine Idee für das Morgen haben, ist richtig, aber kein Grund, die Chance, all das zu erreichen, auszulassen. Der 7. Juni 2009 ist der Tag dafür.