Eine Sinfonie des großen Märchenerzählers

Saarbrücken · Das 1. Studiokonzert der Deutschen Radiophilharmonie am Freitag auf dem Halberg widmete sich unter anderem dem Werk des US-Komponisten Charles Ives. Heinz Holliger brillierte an der Oboe.

 Heinz Holliger, Oboist, Komponist und Dirigent. Foto: Priska Ketterer

Heinz Holliger, Oboist, Komponist und Dirigent. Foto: Priska Ketterer

Foto: Priska Ketterer

Hat Gustav Mahler einst in New York die Partitur der 3. Sinfonie von Charles Ives gesehen und spontan beschlossen, sie uraufzuführen (wozu es dann nicht kam)? Der noch unbekannte Ives wäre damit schlagartig ins Rampenlicht geraten. Schade, dass nur einer diese Legende überlieferte - Ives selber. Und der war laut New York Times "a notorious fabulist", ein notorischer Märchenerzähler.

Um sich ein Bild zu machen, konnten die Hörer des 1. Studiokonzerts jene Ives-Sinfonie hören und mit der wenig später entstandenen Zehnten von Mahler vergleichen. Leider litt die Mahler-Aufführung darunter, dass alle Musiker zwar mit hoher Intensität musizierten, aber - so der deutliche Eindruck - jeder auf eigene Faust. Robert HP Platz als Gastdirigent überließ die wesentlichen Impulse den Konzertmeistern links und rechts und blieb als Interpret eigentümlich passiv.

Doch der Abend galt vor allem Heinz Holliger, seit 1958 hochgeschätzter Gast beim SR. Er hatte die Uraufführung einer Auftragskomposition der Deutschen Radio Philharmonie übernommen: eines Konzerts fur Oboe und Orchester von Robert HP Platz. Das "Blau. See" betitelte Werk wechselte kontrastreich zwischen dichtem Motivgewebe und klarem, kammermusikalischem Wechselspiel. Sehr reizvoll waren die Dialoge der Solo-Oboe mit einem fernen Englischhorn, aber auch mit ungewohnten Partnern wie Tuba und großer Trommel. Höhepunkt wurde eine Solokadenz, in der Holliger alle Register seines Könnens zog.

Ein weiteres zeitgenössisches Werk war "Archipel", Musik für großes Orchester von Philipp Maintz, das mit Klangphantasie eine Geschichte erzählte, die das Orchester von seiner besten Seite zeigte. Zum Schluss dann Ives' Dritte, dankenswerterweise mit den vom Komponisten später gestrichenen "shadow lines": Die geben dem ansonsten kümmerlichen Werk atonale Würze.