Eine Rückkehr muss kein Rückschritt sein

Eine Rückkehr muss kein Rückschritt sein

Wenn in der Ferne alle Stricke reißen und mit fortschreitendem Alter die Euphorie und die Kräfte für einen Neuanfang schwinden, stellt sich die Frage nach der Rückkehr in heimatliche Gefilde. Dass dies kein Rückschritt sein muss, zeigt der folgende ganz persönliche Erfahrungsbericht von Dieter Steinmann.

Nach sieben sehr abenteuerlichen Jahren in Berlin, fünf Jahren in Bremen und drei eher ernüchternden Jahren in München war es schließlich so weit. Ich hatte es satt, irgendwie immer wieder von vorne anzufangen, immer wieder und immer öfter auf Menschen zu treffen, die schlicht und einfach anders tickten als ich. Als Saarländer war ich eine klare Ansprache gewöhnt, einen freundlichen und höflichen und warmen Umgang untereinander. Keine der Städte, in denen ich zunächst studierte, dann von Arbeit zu Arbeit ge- und verschoben wurde, konnte mit diesem mir in Fleisch und Blut verankerten – nennen wir es einfach so – kategorischen Imperativ aufwarten. Da war ständig etwas, das fehlte. In Berlin herrschte gerade nach der Wende, als ich 1992 in den Ostteil der Stadt zog und noch über Trümmerberge aus dem Zweiten Weltkrieg durch die Nacht fiel, zu viel Chaos, als dass ich mich hätte tatsächlich wohlfühlen können. Die langen Winter und die viel zu heißen Sommer, das ungeheure Tempo der Großstadt überforderten mich, lähmten mich, die Einwohner der kommenden Hauptstadt zeigten sich im Westen als zu hartknöchig, im Osten als zu solidarisch. Als Student war es trotzdem eine aufregende Zeit voller teils heute kaum noch nachvollziehbarer Erfahrungen und Erlebnisse. Berlin scheiterte so, wie später auch die anderen Städte scheitern sollten. Einen Arbeitsplatz zu finden, war weniger schwierig, als ihn zu halten. In jeder Stadt traf mich das gleiche Schicksal. Zwar war ich nach einiger Zeit fest in den jeweiligen Teams verankert, erledigte die mir zugeteilten Arbeiten souverän und mit der saarländischen Korrektheit, die mir von zuhause aus eingeimpft worden war. Am Ende aber war ich der erste, der im Zuge der allgemeinen Rationalisierungen entlassen wurde, da ich nun einmal weniger lang an Bord war als die Kolleginnen und Kollegen.

Das war auch okay, kostete aber im Verlauf der Zeit sehr viel Kraft. Für einen raschen Wiedereinstieg fehlte es an Vitamin B, an Beziehungen also. Eine ausreichende soziale Vernetzung, die im Saarland zuvor durch langjährige Vereinsmitgliedschaften, durch Cliquenzugehörigkeit und einen großen Freundeskreis von der Grundschule an über Jahre hinweg entstanden war, konnte ich nicht mehr zum zweiten Mal aufbauen. Bremen war weniger stressig, doch die Menschen tatsächlich nordisch kühl und zunächst etwas unnahbar. Als meine Partnerin und ich uns endlich eingelebt hatten, kam erneut das Aus im Job nach der bereits erwähnten Variante. München, die nächste Station, sollte sich als komplettes Desaster erweisen. Überteuerte Wohnungen, Ellenbogendenken, Dekadenz, verschlossene Menschen, die außer Geld, Konsum und Statussymbolen nichts weiter im Leben zu benötigen schienen. Freundschaften oder mal ein ehrliches Lächeln? Fehlanzeige! Verdienen aber konnte man reichlich, wenn man auf alle Arbeitnehmerrechte verzichtete und bereit war, 24 Stunden am Stück zu arbeiten. Man musste aber auch gut verdienen, denn die Mieten und Nebenkosten für eine halbwegs vernünftige Behausung fraßen einen buchstäblich auf. Ich wurde Opfer der Kirch-Medien-Pleite und stand von einem auf den anderen Tag auf der Straße. Einen festen Vertrag gab es nicht, somit auch keine Kündigungsfrist.

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Zurück in der Heimat. Steinmann war als Auszubildender zum Elektriker einst bei den Saarbergwerken. Foto: xxxxx/xxx

Der nächste Schritt musste schnell erfolgen, denn die Kosten stiegen gnadenlos an. Einen Nachmieter für die Wohnung in Schwabing war schneller gefunden, als dass ich mich einmal umgedreht hatte. Die Wohnungssituation in München ist bekannt. Hätte ich die Abzockermentalität der Münchener bei der Weitergabe der Wohnung übernommen, wären gut und gerne 10.000 Euro nebenbei drin gewesen. Einfach so in die Tasche der Jeans. Da aber die drei mit Arbeit und immer nur Arbeit zugestopften Jahre zuletzt auch mit dem Ende der Beziehung einhergingen, war mir das alles egal. Ich wollte nur noch weg da, raus aus dieser Hölle, zurück in die Heimat. Zur Ruhe kommen, alte Bekanntschaften wieder beleben, entschleunigen, mich ganz behutsam um ein neues Betätigungsfeld bemühen. Zuhause angekommen im Saarland, war das Hallo der alten Freunde groß. Viele Wegbegleiter aus der Kindheit und Jugend waren geblieben, viele waren wie ich jetzt schon früher wieder aus den großen fernen Städten zurückgekehrt, hatten sich Existenzen aufgebaut und waren zu Arbeitgebern geworden. Das soziale Geflecht von früher war mit dem ersten Tag wieder geknüpft, fing mich auf, zunächst im persönlichen, sehr schnell auch wieder im beruflichen Bereich. Die Rückkehr ins kleine Saarland war alles andere als ein Rückschritt.