Eine gestohlene Kindheit

Eine gestohlene Kindheit

Wer noch auf der Suche nach guten Büchergeschenken für Jugendliche ist, könnte hier fündig werden: Erinnerungen an eine Jugend in der NS-Zeit und eine große Freundschaftsgeschichte.

Die Frau fühlt sich, als sei sie nie Kind gewesen, aber auch keine richtige Erwachsene, für immer in einem Zwischenstadium. Die Nazis haben ihr die Kindheit gestohlen. Sie ist Jüdin und schaut zurück auf das, was sie und ihre Familie erleben mussten. In einem direkten, ungeschönten Ton aus kindlicher Naivität, Rechthaberei, Wut, schlicht aus schlecht in den Griff zu bekommenden Emotionen erzählt die Schauspielerin, Gerichtsreporterin und Autorin Peggy Parnass ihr Leben.

Das Buch handelt von ihrer Mutter Hertha, einer Halbportugiesin, ganz Locken, Lachen und duftende Haut, liebenswert - aber zu schwach, findet das Kind. Vom Vater, dem Polen Pudl, einem schalkhaften Zocker, der die ganze Habe verspielen konnte und dem die Mutter dennoch ergeben war. Und von ihrem Bruder Bübchen, den die Kinder quälen, weil er Jude ist. Als Kleine glaubte sie so viel zu wissen, mehr als die Großen, denn die benahmen sich seltsam, hatten plötzlich alle Angst. Weil sie nichts mehr durften, nicht auf Parkbänken sitzen, nicht ins Schwimmbad geben, draußen kein Eis essen. Eines Tages setzt die Mutter die Geschwister in einen Zug nach Schweden, die Kinder werden sie nie wieder sehen. Es kommen schlimme Jahre, doch die Schwester wird kämpfen, damit ihr Bübchen nicht auch verloren geht.

Die fabelhaften und farbintensiven Holzschnitt-Bilder von Tita do Rêgo Silva, prämiert von der Stiftung Buchkunst , halten zu dieser Geschichte kontrastreich fest, was eine Kindheit eigentlich prägen sollte: bunte Verspieltheit, Licht, Freude.

Peggy Parnass: Kindheit . Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete. Fischer, 80 S., 14,99 Euro.

Auf einem Campingplatz in einer australischen Kleinstadt am Meer kommen zwei Vagabunden an. Ein Vater, der wieder einmal vom Trinken loskommen will, und seine eigenbrötlerische Tochter Rose, die keine Freunde hat und keine sucht. Wie auch, wo sie immer unterwegs sind? So beginnt Karen Foxlees "Das nachtblaue Kleid”. Ein Anfang wie viele, möchte man meinen: Fremdsein, neuer Ort, neue Schule, neue Herausforderungen. Foxlee aber webt daraus eine Geschichten-Melange von eigenwilliger Kraft, im wunderbar lyrischen Ton der geborenen Erzählerin.

Rose wird die lebensfrohe Pearl kennenlernen, die ein Geheimnis hat und vor Verliebtheit entbrannt zu sein scheint. Die beiden freunden sich an, so unterschiedlich sie auch sind. Die Kunst der Erzählerin Foxlees ist es, die Charaktere der Mädchen langsam zu entfalten und sie weit über typische Klischees hinauszuheben, genau so wie sie es schafft, in gekonnten Zeitsprüngen zu erzählen, ohne zu viel verraten. Und neben aller Spannung besitzt dieses unbedingt empfehlenswerte Buch etwas Kostbares: ein gerüttelt Maß an Freundlichkeit, Verständnis und Lebensweisheit.

Karen Foxlee: Das nachtblaue Kleid. Verlag Beltz & Gelberg, 333 Seiten, 17,95 Euro.