Geschichte: Ein wundersamer Sommertag

Geschichte : Ein wundersamer Sommertag

Eine Welt, in der Menschen und Insekten friedlich zusammenleben. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Oder doch nicht?

Viel Betrieb herrschte im Rosenbusch. Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen summten um die Blütenkelche. Heute aber waren sie nicht so begierig auf Nahrungssuche aus. Sie unterhielten sich. Über die Menschen, von denen es nur selten Gutes zu berichten gab. Die Zweibeiner schlugen nämlich meist nach ihnen oder sie versuchten, sie mit Spraydosen zu vergiften oder sie verjagten sie mit Fliegenklatschen von Blüten, Kuchenstücken und Picknickdecken.

„Es scheint, als fürchteten sie uns“, wunderte sich eine Hummel. „Dabei habe ich noch nie einem Menschenwesen etwas zuleide getan.“ „Ich auch nicht.“ „Ich schon gar nicht.“ „Denkt ihr, wir?“

Lebhaft ging es zu. Die Tiere waren sich einig. Keines von ihnen wollte einem Lebewesen wehtun. Warum nur wussten die Menschen dies nicht?

„Gestern allerdings“, wunderte sich eine Wespe, „ist mir etwas Seltsames passiert. Ich stillte im Himbeerstrauch meinen Hunger, als ein Kind mit einer Schüssel kam. Schon wollte ich fliehen, doch das Kind schlug nicht nach mir. Nein, es fragte höflich, ob es sich auch Beeren nehmen könne. Natürlich hatte ich nichts dagegen. Früchte gehören allen Lebewesen. Das Kind füllte seine Schüssel und verabschiedete sich von mir mit einem ‚Tschüs’! Ich sage euch, meine Verwunderung war groß.“

„Etwas Ähnliches ist mir gestern auch passiert“, sagte die Biene. „Auf der Kleewiese. Wir waren beim Nektarsammeln, als ein Pärchen kam. Wir wollten das Feld räumen, doch da fragten die jungen Leute, ob sie für eine Weile neben uns Platz nehmen dürften. ‚Die Wiese gehört allen’, haben wir geantwortet, ja, und da haben sie sich neben uns gelegt. Wir konnten ungestört unsere Arbeit fortsetzen. Ehrlich gesagt, es hat Spaß gemacht, um die beiden herumzusummen, und die haben sich später dann sogar für unser schönes Wiesenkonzert bedankt. Was sagt ihr dazu?“

„Verstehe einer die Menschen“, brummte die Hornisse. „Uns haben sie fast ausgerottet. Gestern aber hat mich ein Mann vorsichtig auf einer Zeitung aus dem Haus getragen, in das ich mich verirrt hatte. ‚Machs gut’, hat er mir hinterher gerufen. Seltsam, nicht?“ „Ja, seltsam.“ Jedes Tier wusste eine ähnlich wundersame Geschichte vom gestrigen Tag zu erzählen.

„Vielleicht haben wir uns in den Menschen getäuscht“, meinte die Wespe nachdenklich. „Oder haben sich die Menschen geändert?“, überlegte die Hummel. „Richtig wäre es“, sagte die Hornisse. „Die Welt gehört allen.“ „Hurra“, freuten sich die Bienen. „Sie scheinen es begriffen zu haben, die Menschen.“

Plötzlich hörten sie Menschenstimmen. „Igitt!“, schrie jemand entsetzt. „Unser Rosenbusch ist voller Ungeziefer.“ „Dagegen müssen wir etwas unternehmen“, rief eine andere Stimme. Schon näherten sich Menschenhände mit Stöcken und Giftdosen dem Busch. „Haut ab, ihr Stechungeheuer!“

Da machten die Tiere, dass sie davonkamen. „Das gestern war wohl nur ein Traum gewesen“, sagte die Hornisse später traurig. „Oder?“