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Ein Volk sucht seinen Präsidenten

Moskau. Wieder ist Wladimir Putin verschwunden. Nun schon seit über einer Woche. Es wäre nicht dramatisch, würde der Kremlchef sonst das Volk nicht mit mehrmaligen Auftritten täglich im staatlichen Fernsehen verwöhnen. Klaus-Helge Donath

Der Präsident ist omnipräsent. Die Image-Strategen im Kreml haben aus Wladimir Putin einen nimmermüden, immer wachsamen Dauerbrenner gemacht, dessen einzige Leidenschaft seinem Land gilt.

Mit Russland sei er verheiratet, sagte er neulich. Nun sucht die "Gattin" ihren "Ehemann". Ohne ein Wort des Abschieds verschwand der Kremlchef schon Tage vor dem Frauentag, an dem die Russin vom Gatten zur Abwechslung mal etwas Aufmerksamkeit erwartet. Die Kommunikation mit dem Volk ist seit langem nachhaltig gestört, es gibt keinen Dialog, der nicht inszeniert wäre. Dieses Schweigen ruft in solchen Momenten aberwitzige Gerüchte und kühnste Spekulationen hervor. Daran beteiligen sich Volk und Elite mit gleicher Inbrunst.

Bei der Rekonstruktion des Aktivitätsprofils des Vermissten jedoch stößt die fahndende Gesellschaft auf der Kreml-Website auf Termine, die der Präsident nach Auskunft gut informierter Kreise nicht wahrnahm. Hat Wladimir Putin eine neue Frau und ist er mit ihr zur Niederkunft beim Feind im Westen, wie westliche Medien berichten? Unterzieht er sich einer Verjüngungskur? Lebt er überhaupt noch? Wurde er schon weggeputscht? Streiten sich die Erben noch über die Nachfolge? Und: Wer hat den Atomkoffer?

In einem Staat, der am Wohl und Wehe eines einzigen Menschen hängt, ist die Unruhe verständlich, wenn dieser abtaucht. Es zeugt von tiefer Rücksichtslosigkeit, als wolle sich jemand über das Volk lustig machen. Im Vergleich zum Herrschaftsstil Putins war die kollektive Führung der KPdSU eine plurale Veranstaltung, die Sicherheiten bot. Wladimir Putin hat alles um sich herum eingestampft. Nun ist der Flüchtige nicht nur Oberkommandierender der Streitkräfte, sondern er führt auch gerade Krieg. Das Volk, dem eingeredet wird, es werde überfallen, könnte sich im Stich gelassen fühlen. Auch herrscht eine Krise im Land, die es sinnvoll erscheinen ließe, wenn der Chef aus seiner Märchenwelt zurückkehrte. Es ist in der Tat schwer nachzuvollziehen, warum der Kremlchef vom Urlaub, aus Krankenbett oder Schönheitsklinik den Menschen nicht kurz einen Einblick gönnen sollte. Doch darum geht es: Wladimir Putin ist nicht wie jeder andere. Er ist ein Wesen, das Krankheit, Tod und seinen Körper "besiegt". Der Gesundheitszustand ist in Russland immer auch eine Machtfrage. Der Körper des politischen Leaders enthält noch einen symbolischen Zusatzwert, der sich aus der besonderen Beziehung zur politischen Gemeinschaft ableitet. Einzige Informationsquelle der Bürger sind die staatlichen Sender. Kremlsprecher Dmitri Peskow verbiegt sich regelmäßig, um den Verdacht von Putin abzuwenden, auch dieser könnte menschliche Bedürfnisse hegen. Er hat sie, mehr als genug, wissen ernstere Biografen. Das Volk ist jedoch ambivalent: Es glaubt, was es glauben möchte. Die historische Erfahrung sagt ihm aber: Das Wichtigste und Neueste wird uns vorenthalten. Eher als das eigene Volk erführe der Westen, was los sei. Erst wenn Putin wieder auftaucht, werden die Gerüchte um ihn verstummen.