Ein "unsichtbares" Kraftfeld

Ein "unsichtbares" Kraftfeld

Saarbrücken. "Die gesellschaftliche Verankerung der HBK ist nicht gelungen, weil die zeitgenössische Kunst im Saarland keine Verankerung hat" - der ehemalige Rektor Horst Gerhard Haberl sprach's zum zehnjährigen Jahrestag 1999. Um ähnlich niederschmetternde Einsichten abzuwehren, hat der heutige Rektor Ivica Maksimovic (Foto: bub) zum 20

Saarbrücken. "Die gesellschaftliche Verankerung der HBK ist nicht gelungen, weil die zeitgenössische Kunst im Saarland keine Verankerung hat" - der ehemalige Rektor Horst Gerhard Haberl sprach's zum zehnjährigen Jahrestag 1999. Um ähnlich niederschmetternde Einsichten abzuwehren, hat der heutige Rektor Ivica Maksimovic (Foto: bub) zum 20. Jubiläum strikte Zukunftsorientierung verordnet. Nur keine Retro- oder Introspektion. Stattdessen eine Liste der Neuerungen zum aktuellen Wintersemester-Start. Sie bilden die Wegmarken für die nächsten 20 Jahre.

Abendschule für Laien

Die Punkte lauten: Generationenwechsel der Professoren - aus den Gründertagen sind nur mehr Maksimovic selbst und Andreas Brandolini dabei -, Abendschule für Laien, Einführung des Promotionsrechtes, dadurch mehr Forschungsaktivitäten. Zudem Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge, dauerhafte Veankerung der Fachrichtung Künstlerische Fotografie und Gründung eines zweiten An-Institutes "Kuratieren", den Programm-macher für das Weisgerber-Museum St. Ingbert und die eigene Galerie. Unter das ehemalige Haupt-Profil "Interdisziplinarität" - die Durchlässigkeit zwischen Design und freier Kunst - lässt sich das kaum einsortieren. Oder doch, in Maksimovics Worten: "Wir wahren die Kontinuität, indem wir uns permanent verändern."

Womit eine der vielen Überforderungen genannt wäre, die sich seit 1989 an die HBK heften: Sie soll ein Hort der Innovation sein. Unter Lafontaines SPD-Regierung war sie gegründet worden, um das vermeintlich kunstferne Proletarier- und Traditions-Land mit den anderen Bundesländern auf Augenhöhe zu heben und ihm zu neuem Image und Selbstbewusstsein zu verhelfen. Heute noch schlägt sich die HBK mit hochschulfernen Anforderungen herum, allerdings kaum mehr von Seiten der Politik. Die jüngste Ausgabe der Saarbrücker Hefte nimmt sich die HBK als "Fachbetrieb für Heißluftaufbereitung" zur Brust: Sie besitze eine gen Null tendierende Wirkung und Wahrnehmbarkeit. Eine unsichtbare Hochschule?

Ganz von der Hand zu weisen ist diese Analyse nicht. In der Tat kündet kaum ein anderes Vorhaben als die nach 20 Jahren nun endlich realisierte eigene Hochschul-Galerie am Ludwigsplatz von eben diesen Nöten. Die Professoren geben unumwunden zu, dass sie mit ihrem Schaufenster-Bau auf bisher unerreichte Aufmerksamkeit hoffen. Sie korrigieren damit einen fatalen Irrtum der Vergangenheit: Dass man umso präsenter wird, je mehr Aktionen und Projekte man initiiert. Studenten und Professoren waren überall und nirgends, in der Stadtgalerie, in Büroetagen, im Finanzministerium oder der Johanneskirche.

Doch statt das Bild einer quirligen und standortorientierten HBK-Mannschaft zu festigen, wuchs sich die Überzahl der Aktivitäten zur Schwäche aus. Weil die Arrondierung der Kleinteiligkeit durch spektakuläre Großprojekte fehlte. Die populäre St.Wendeler Ausstellung "Das begehbare Märchen" (2008) darf man wohl die einzige massenwirksame Unternehmung in zwei Jahrzehnten nennen. Doch sie trägt das Siegel des Mia-Münster-Hauses, nicht das der HBK. Dasselbe trifft sogar für das international bekannte "Unsichtbare Mahnmal" am Schlossplatz zu.

Alles Belege für die These von einer "unfunktionalen" Institution, die Künstler ausbildet, die weggehen müssen, um von ihrem Beruf leben zu können oder im Land bleiben, um sich in die Rolle des Lehrers zu fügen? Ja, aber was wäre an dieser Situation so besonders? Isolation gehört zum Kunsthochschul-Alltag, der immer mehr Laboratorium denn Hochglanz-Vernissage ist, es sei denn man nimmt Prestige-Akademien in Berlin oder Düsseldorf zum Maßstab. Jawohl, die HBK Saar entwickelt kaum Sexappeal: Als macht- und druckvolles Kreativitäts-Kraft- und Magnetfeld des Landes nimmt man sie schwerlich wahr. Zudem fehlt der Star-Faktor. In Saarbrücken wurde bislang weder ein Kunstmarkt-Überflieger ausgebildet noch konnte man VIPs als Professoren gewinnen. Trotzdem hat sich durch die HBK ein Klima mitentwickelt, das die Aussage Haberls überholt erscheinen lässt: Die zeitgenössische Kunst ist längst im Saarland angekommen. "Wir befinden uns in stabiler Lage", sagt Maksimovic, nicht nur wegen leicht steigender Bewerberzahlen (300). "Keiner fragt mehr, ob wir eine Kunsthochschule brauchen." Für Unbescheidene mag dies ein Beweis für Kleinmut sein, Realisten nehmen die Tatsache als Kompliment.

Festakt am 12. Oktober, 17 Uhr, Aula der HBK, Ausstellung im Foyer (Kommunikationsdesign) und Lichtinstallation an der Fassade "Die sprechende Wand" (Prof. Daniel Hausig/Achim Wollscheid).